Novella 3

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Geburtstage!

Sprechen wir doch mal über Geburtstage! Warum ich über sie schreibe? Keine Ahnung. Vielleicht liegt es daran, dass mein eigener Geburtstag sich bald zum neunundachtzigsten Mal ankündigt? Ach, ich weiss es auch nicht, hab noch nie in meinem Leben so viel Aufwand damit getrieben. (Vielleicht als Kind, kann sein.)florea_504

    Du magst diese Geburtstage? Darfst Du doch auch. Natürlich, es sind ja Feiern der Familie, sie verbinden alle Lebenden miteinander. Dabei ist es gleich, wie man sie verlebt, ob man feiert oder nicht, es sind Formen und althergebrachte Formeln, die hierüber entscheiden. Die einen feiern sie im großen Kreise mit Familien und Freunden, die anderen wiederum fliehen, um dem ganzen Feuerwerk an Gefühlsduseleien zu entgehen. Hier haben es die runden oder halbrunden Gedenktage der Geburt besonders in sich! 

     Also, wieder ein Jahr älter werden, dann auch noch zu einem festen Termin, das ist schließlich keine Lappalie, oder? Das kann man ja nicht einfach ignorieren, da muss man schon ein wenig in sich gehen und nachdenken. So einfach verleugnen geht ja auch selten. Oft genug ist man gezwungen, sein Alter anzugeben. (Gerade unseren Damen soll das ja besonders schwerfallen, hörte ich.)

     Aber liebe Mitmenschen, ein Lebensjahr bedeutet doch im Grunde gar nicht viel, unser Leben, unser eigentliches »Dasein« spielt sich doch in den Tagen zwischen den Geburtstagen ab. Es sind die Augenblicke, in denen unser Leben geschieht, in denen die Minuten unserer Zeit ablaufen und dann für immer vergehen! Und diese Momente allein zählen doch - auch wenn man sie nicht zählt. Unsere Zeitmessung, linear gesehen, kann überhaupt nicht anders, sie häuft nun mal Jahr für Jahr, Geburtstag an Geburtstag an Geburtstag!

     Nach einer alten Mär las ich neulich verwundert, dass sich der Mensch alle sieben Jahre erneuert bzw. verändert! Nun, wäre das nicht auch eine Möglichkeit, unser Alter neu zu berechnen? Zu bedenken ist dann jedoch noch, das ja auch noch das »gefühlte« Alter hinzukommt. Und dies bringt so manches Mal einen größeren Unterschied, als wir es uns vorher ausmalen, nicht wahr?

    Dieser gefühlte Unterschied hat dann mit der ganz normalen Zeitrechnung überhaupt nichts zu tun. Mitunter fühlt man sich viel älter als das tatsächliche Alter besagt, ein anderes Mal wiederum könnte man die 100 Meter noch in 10.0 Sek. laufen! (wenn die bloß nicht so entsetzlich lang wäre, diese Strecke)

    Gut. Aber wie ist das denn nun mit dem »Geburtstag feiern«? Na, klar, wenn es denn Spaß macht, immer! Welche Alternativen hat man auch sonst? Dabei fällt mir ein: Wie wäre es denn, mal den letzten Tag des »alten« Geburtsjahres zu feiern? (Schließlich feiern wir doch an Sylvester auch das alte Jahr?) Oder eventuell mal den »einhalbsten« Geburtstag? Wäre doch ein Gag. Wir laden alle Freunde zum 52½sten Geburtstag ein, deren Gesichter wären bestimmt ansehenswert!

 So wünsche ich allen in diesem seligen oder unseligen Jahr gute Geburtstagsfeiern, - auf jeden Fall aber, dass sie noch oft stattfinden!

 

 

 

part-1 

 

 

Flaschenpost

Ich glaube, dass ich einmal vor vielen Jahren außergewöhnlich schön war. Grün, ein wunderbares Grün, das an die Dünung der Ägäis erinnerte. Mein runder Körper war so ebenmäßig geformt, dass es ein Lustgewinn schien, ihn zu berühren und zu streicheln. In einer früheren Zeit hatte ich einem fantastischen roten Assyrtiko von der Insel Santorini als Behältnis gedient, einem vollmundigen Getränk, dessen Trauben an den Hängen der Insel wuchsen. Die Häuser dieses ein wenig entfernt liegenden Ortes Oia schimmerten in der abendlichen Sonne wie zartrosa angehauchte Perlen, die flachen hellen Dächer verbreiteten ein anheimelndes Gefühl von Wärme und Zufriedenheit. Ich stand in einem der kleinen Häuser als smaragdgrünes Dekorationsstück auf einer Fensterbank - es war einfach wunderschön, ich fühlte mich behaglich und wohl.

   Irgendwann an einem herrlichen Sommertag wurde ich völlig unerwartet von Eleni, der jüngsten Tochter des Hauses überrascht. Ich war etwas verwirrt, denn sie schrieb ein paar Worte auf einen Zettel, rollte ihn zusammen und versenkte ihn dann in mir. Sie verschloss mich danach fest mit einem Korken, lief hinauf zu einer Klippe und warf mich weit hinein in die weiße Gischt der blauen See. So wurde ich unerwartet auf eine Reise geschickt, die mich lange herumtreiben würde.

 Es war zunächst keine ruhige Zeit auf dieser Reise. Umhergeworfen, durchgeschüttelt, von den Wellen immer wieder hochgeworfen und aufgefangen, oftmals schien es mir, als würde ich an einem Felsen zerschellen. Aber es ging alles gut. Nach endlos langer Zeit wurde ich dann plötzlich auf das offene Meer hinausgezogen. So schwamm ich dahin, ohne zu wissen, wohin ich eigentlich sollte. Es schien eine mir endlos scheinende Reise zu werden.

   Ich erblickte unzählige Strände und Küsten von ferne, wurde durch spiegelnde warme Meere getrieben, oftmals über spielerische saphirblaue Wellenberge gehoben. Ich sah die hohe See, schaumig und ruhelos in himmelfarbenen Tönen, sah Palmen und den Kegel eines Vulkans, schwer und azurblau in endlosen Weiten. In den Nächten, wenn der Sternenhimmel über dem Firmament schläft, schlief auch ich, ruhte in der schwankenden Wiege der nachtblauen Tiefe. Es kam auch vor, dass ich von dem Duft des Weines träumte, den ich einst beherbergte. Dann dachte ich an die sonnenverwöhnten Gipfel meiner Insel, an die schattigen Täler am Rande des Vulkans. Ich träumte von Ebbe und Flut am Strand und vom nächtlichen Silberglanz der Mondsichel. In meinem Inneren bewegt sich ab und zu das geheimnisvolle Papier des Mädchens Eleni. Was mochte der Inhalt dieser Botschaft sein?

   Irgendwo, irgendwann werde ich es sicher erfahren. Bis dahin treibe ich durch die Meere wie einst der »Fliegende Holländer«. Warte auf das Ereignis jenseits aller Träume und Vorstellungen.

 

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Jérôme hatte Semesterferien. Endlich, es war auch höchste Zeit, eine kleine Unterbrechung des Studiums einzulegen. Er fühlte sich regelrecht ausgebrannt.
Grand-Mère hatte ihm geraten, während der Ferien zu ihr zu kommen und seine Flügel für einige Zeit in der Sonne trocknen zu lassen. So war er nun schon einige Tage hier in ›Saintes-Maries-de-la-Mer‹ bei seiner Großmutter zu Gast. Er fühlte sich sehr wohl hier. Schon als Kind liebte er die Stunden am Meer ohne Stress und Hetze. Hier am Rande der Camargue war die Welt noch in Ordnung, hier war er noch Mensch. 
    Jérôme liebte die morgendlichen Spaziergänge am Strand; die Stille, in der nur das Rauschen des Meeres hörbar war, brachte sein Herz zum Klingen. Der Blick auf die Weite des Meeres ließ die Unendlichkeit der Schöpfung erahnen. Selbst bei grauem Himmel, wolkenverhangen und regengrau, konnte das Charisma dieser Landschaft mit allen tropischen Schönheiten ohne jede Einschränkung konkurrieren.

    An diesem Morgen war Jérôme schon früh auf den Beinen. Grand-merè wartete erst später mit dem Kaffee auf ihn. So joggte er frohgemut den Strand entlang. Gut gestimmt freute er sich auf den Tag, an dem er später an der Küste mit dem Fahrrad die knapp 15 km zum ›Phare de la Gacholle‹ fahren wollte. Dieser alte Leuchtturm war das eigentliche Wahrzeichen von Saintes-Maries-de-la-Mer geworden.

    Dann plötzlich sah er sie dort liegen! Mitten am Rande des graublauen Wassers, fast undurchsichtig, schmutziggrün und doch nicht zu übersehen. Es schien, als würde sie schon seit Jahren nur auf ihn gewartet haben. Jérôme lief die paar Meter zum Wasser hinunter, kniete sich in den nassen Sand und hob sie auf. Er drehte die kleine grüne Flasche mehrfach in der Hand und betrachtete sie von allen Seiten. Sie war stark mit Algen umwuchert, dennoch ahnte er, dass sie einen geheimnisvollen Inhalt barg.  Aufgeregt setzte er sich auf einen großen Stein am Ufer, atmete ein paarmal tief ein und aus, dann versuchte er, den Korken aus der Flasche zu lösen. Es war sehr schwierig, da dieser tief in den Flaschenhals hineingepresst war.

    Da fiel ihm sein Taschenmesser ein, das er immer bei sich trug. Da war doch ein Flaschenöffner integriert? Aufgeregt versuchte er damit, die alte Flasche zu öffnen. Endlich, nach einiger Anstrengung war sein Bemühen von Erfolg gekrönt. Das Fundstück war offen, Jérôme schüttelte den Inhalt heraus - ein graugrüner Zettel fiel ihm entgegen. Einige Worte konnte man darauf lesen. Da es aber griechische Buchstaben waren, die er nicht verstand, war er zunächst ratlos! Dann fiel ihm sein Freund ein, der die griechische Sprache beherrschte. Den konnte er um Hilfe bitten.

    Am nächsten Tag war dann die Überraschung perfekt! Dieser Flaschenpostinhalt war fast 150 Jahre lang in den Weiten des Meeres unterwegs gewesen! Die Schreiberin war schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Es fiel Jérôme ungemein schwer, nicht mit Traurigkeit an dieses Mädchen dort auf der griechischen Insel zu denken. Zu gern hätte er gewusst, wie ihr Leben damals weiter verlaufen war!

    In jedem Sommer, wenn Jérôme wieder im alten Haus in Saintes-Maries-de-la-Mer zu Gast war, dachte er voller Wehmut an das einsame Mädchen Eleni, das einst ihre Wünsche aufs Meer hinaus schickte und den kleinen Zettel mit den Worten: no_luxr018

Ich bin Eleni, ein Mädchen, ich bin 22 Jahre alt.
Wenn du mir schreiben willst, ich freue mich auf
deine Post. 
Meine Adresse ist Oia 24, Santorini.

2. Juni 1873

 

part-A

 

 

Cheerivie

»Hallo!«, sagte sie, als sie sich auf dem Zweig niederließ, »darf ich hier ein wenig ausruhen?«
Der alte Uhu schob das grüne Blättergewirr auseinander, das ihn vor der Sonneneinstrahlung schützte. Im grellen Gegenlicht sah er fast nichts, nickte jedoch zustimmend mit seinem Kopf und brummte vor sich hin: 
»Wenn es denn unbedingt sein muss!« 
»Du bist nicht sehr freundlich, schlecht geschlafen?«
 Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. 
»Ich schlafe nachts nie, das solltest du doch wissen«, sagte er dann, »eben jetzt wollte ich schlafen, aber du lässt mich ja nicht.«
Sie rollte mit ihren kleinen Äuglein und sagte dann beruhigend: »Verzeih mir, ich wollte dich nicht kränken.«
Sie rückte einige Zweiglein näher. »Du bist doch der alte Uhu, nicht? Der alte weise Uhu?«
Der Uhu drehte seinen Kopf zur Seite. »Das sagen die Anderen. Ich bin alt, gewiss, aber weise? Wer könnte das von sich behaupten. Viel erfahren zu haben, heisst noch nicht, Erfahrung zu besitzen. Und Weisheit?« 
Der Uhu schüttelte seinen Kopf, dass die Flaumfedern nur so flogen: 
»Den Augenblick nutzen, bei jedem Schritt, jedem Ausflug am Morgen auch schon an den Abend denken, die höchste Anzahl glücklicher Stunden zu verleben und nichts bereuen, was man in diesen Stunden getan hat, - das, so glaube ich, ist Weisheit!«

    Cheerivie schwieg lange. Dann fragte sie: »Und du bereust nichts, was du in deinem Leben getan hast?«
»Siehst du, aus diesem Grunde bin ich eben nicht weise! Ich bereue doch so einiges und würde heute vieles anders machen, glaube ich wenigstens. Aber ich weiss es nicht; als ich jung war, habe ich anders gedacht, anders gelebt. Da ist das Vorrecht der Jugend.«

 Der alte Uhu schaute sie nachdenklich an: »Aber was ist mit dir? Du bist noch jung, hast noch das Leben vor dir. Wovon träumst du?«
Cheerivie blickte nachdenklich durch die Zweige zum Himmel hinauf, wo hoch droben die Sonnenstrahlen mit den weißen Federwölkchen spielten, die ein ungebärdiger Wind vor sich herjagte. Dann schaute sie den Uhu an: »Ich bin Cheerivie, die Träumerin! Bis gestern wohnte ich dort drüben auf der anderen Seite des Sees. Doch du irrst, lieber Uhu, so jung bin ich auch nicht mehr. Ich habe einige Sommer erlebt und schon dreimal Junge aufgezogen.«

Dann rückte sie ganz nahe an den alten Uhu heran. »Aber damit ist nun Schluss! Ich will nicht mehr, habe meinen Gefährten verlassen, ich will von nun an nur noch ich sein!«
Der alte Uhu sah sie mit seinen großen Augen erstaunt an. »Du willst du sein? Du bist wirklich eine Träumerin. Was warst du denn bisher?«
Cheerivies Stimme wurde lauter. 
»Was ich war? Ich war nichts! Ein fremd bestimmtes Nichts, ich habe funktioniert, weiter nichts. Und niemand, niemand auf der Welt hat gefragt, wie es mir geht, wie ich mich fühle.«

Cheerivie zitterte vor innerer Erregung. »Du fragst, wovon ich träume? Von dem hohen blauen Himmel dort oben, von der grenzenlosen Weite, von einer unbeschreiblich schönen Welt, die ich immer ersehnte!
Ja, und gestern habe ich nun alle meine Träume, meine Wünsche zusammengepackt und bin einfach fortgeflogen. Glaub mir
, es war gar nicht so schwer.«eigen_04

   Der alte Uhu schaute sie versonnen an. Solche Worte kannte er, diese Träume hatte auch er geträumt. Aber er kannte auch die Kehrseite der Medaille, die Seite, die niemals glänzte, die dann die Oberhand bekam, wenn nicht alles so glatt lief.

  »Ich verstehe dich, Cheerivie, ich verstehe dich sehr gut. Aber bedenke, der grosse Dichter Goethe sagte einmal: ›Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen!‹ 
Du möchtest also dort hin fliegen, hinauf in den hohen blauen Himmel ? Vergiss dabei nicht, dass du dort ganz allein bist. Niemand wird dich dort begleiten, beschützen. Du wirst einsam sein. Wer wird dir helfen, wenn dir etwas geschieht?«

     Cheerivie rückte ungeduldig auf ihrem Zweig hin und her. »Ich war bis jetzt auch einsam. Unter vielen Anderen war ich allein. Aber ich will etwas erleben, auch wenn ich dabei allein bin.« Ihr Blick war nun voller Tatendrang.
»Und zwar heute und jetzt, nicht erst wenn ich so alt bin wie du! Du kannst mich nicht umstimmen, Uhu, das schaffst du auch nicht mit klugen Reden.«

»Mm«, brummte der Uhu, während er seine Flügel schüttelte, »Ich weiss, dass ich dich nicht davon abhalten kann. Und ich glaube, ich will es auch nicht. Vielleicht tröstet es dich, wenn ich dir hier einen Platz in meinem Baum freihalte? So kannst du jederzeit zurückkehren, wenn du Heimweh bekommst!«

    »Heimweh? Sicher nicht!« Cheerivie sagte es mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ. 
»Was ist schon Heimweh gegen die Freiheit, hinfliegen zu können, wohin man will!«
Cheerivie schlug kurz mit ihren Flügeln, dann sah sie den alten Uhu mit einem langen Blick an. »Lebe wohl, weiser Uhu, ich weiss, du meinst es gut. Aber ich habe mich entschieden!« Sie zupfte noch einmal mit einer zärtliche Geste am Gefieder des Uhus und stieg dann mit kräftigen Flügelschlägen in die blaue ewige Weite des Himmel hinauf.

     Der alte Uhu saß noch lange auf seinem schattigen Platz in den Zweigen des Baumes und schaute durch die Blätter hindurch in das unendliche Blau des Firmaments. Er wusste, Cheerivie würde eines Tages zurückkehren in die Vertrautheit des heimischen Waldes. Irgendwann würde die große Freiheit sie wieder ins Leben entlassen. Aber sie würde dann nicht mehr die kleine Cheerivie sein, die mit den grossen bunten Träumen!
Als der alte weise Uhu dann in der Mittagsglut einschlief, spürte er eine Trauer, die ihn noch bis weit in seine Träume begleitete...

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Viele Monde waren vergangen, die Farben des Waldes hatten sich zusehends verändert, aus dem saftigen Grün war ein leuchtendes buntes Mosaik geworden. Ein schimmerndes Gewirr von Spinnennetzen zog sich zwischen den Zweigen der Bäume des Mischwaldes hindurch. Ein wunderschönes Bild für den Betrachter von außen. Für die Insekten, die die Luft bevölkerten jedoch, waren sie eine tödliche Falle, in der sie schnell ihr Leben beendeten.

    Das Moos auf dem Boden des Waldes und auch an den Bäumen hatte sich zu einem Teppich verdichtet. Wenn man nicht so gute Lauscher hatte wie der Rehbock, dazu noch die gute Spürnase eines Fuchses - jeder Bewohner des Waldes hätte sich ungesehen und ungehört im Wald bewegen können. Der alte Uhu wohnte noch immer in dem hohlen Astloch der großen Buche. Was hätte ihn auch dazu bewegen können seine Wohnung zu verlassen? Höchstens die Anwesenheit der Zweibeiner, die den Kreislauf seines Daseins immer wieder störten. Doch der Alte hatte sich eine stoische Ruhe angewöhnt, anders wäre es auch nicht zu ertragen gewesen. Wenn er sich richtig erinnerte, waren die Störungen vor etwa dreißig Jahren, als er noch jung war, längst nicht so gravierend.

   Er jedenfalls hatte sich an das Leben in diesem nun doch stärker begangenen Wald gewöhnt. Die Zweibeiner bekamen ihn kaum einmal zu Gesicht, da er ja meist den Tag verschlief und nur in der Nacht zu seiner Nahrungssuche unterwegs war. Und darin war er Meister! Kein anderer Vogel seiner Größe konnte so leise fliegen, wenn man unhörbar sagen würde, käme das der Wahrheit schon sehr nah.
    Nun, nach seinem nächtlichem Ausflug saß er gesättigt und zufrieden auf dem Ast vor seiner Baumhöhle und döste in den frühen Abend hinein. Da! - Was war das? Ein Geräusch weckte ihn aus seinem Halbschlaf, dieses Geräusch, das hier eigentlich nicht hingehörte.
»Ist da jemand? Gib dich zu erkennen, sonst geht es dir schlecht!« 

   Er sagte es mit einer Entschlossenheit, die jedem Feind Angst einflössen würde, drehte dann seinen Kopf nach hinten. Dieses Vorrecht hatten die Eulen seit jeher von der Natur mitbekommen, um stets verteidigungsbereit zu sein. Und gerade der Uhu war sehr kräftig und stets wehrbereit, so leicht nahm es mit ihm niemand auf.
Eine zarte Stimme antwortete ihm: »Hallo.« 
Dann ein wenig lauter: »Erkennst du mich nicht mehr? Ich bin es, Cheerivie! Hast du mich ganz vergessen?«

   Der alte Uhu war ganz aus der Fassung. Alles hatte er erwartet, aber nicht die Rückkehr von Cheerivie, die damals alles hinter sich gelassen hatte und dann auf und davon geflogen war.
»Das ist ja toll. Ich bin so überrascht. Habe dich zwar seinerzeit ungern ziehen lassen, weil du mir so sympathisch warst. Doch nie kam mir der Gedanke, dass du wieder heimfindest. Ich freue mich, dass du wieder da bist! Ich freue mich wirklich riesig.«

    Sie saß vor ihm, das Gefieder ein wenig zerrupft. Schmal war sie geworden, die kleine Cheerivie. Aber ihre Augen waren noch genau so klar wie damals, als sie alles hinter sich lassen wollte.
»Gut siehst du aus, weiser Uhu! Hast dich kaum verändert.«
Sie lächelte verschmitzt. »Hast anscheinend den Sommer gut gelebt, stimmts?«
Der Alte nickte, »Na, man tut, was man kann. Allzu viel zu erwarten habe ich ja nicht mehr.« 
Er zuckte abwinkend mit den Flügeln. 
»Aber erzähl du, wie ist es dir ergangen? War die grosse Freiheit das, was du dir erträumt hattest? Bist du voll auf deine Kosten gekommen?«
Cheerivie schlug ein paar Mal mit den Flügeln. Dann winkte sie ab.
»Weißt du, Uhu, von außen gesehen sieht alles ein wenig anders aus. Wenn die Realität erst einmal Einzug hält wird der Ernst des Lebens erst sichtbar. Freiheit ist ein kostbares Gut, das habe ich gelernt. Aber was Freiheit wirklich bedeutet, das lernt man erst durch das Leben.« 

       Die Sonne war schon im Begriff, den Tag zu verlassen und es wurde schon ein wenig kühl. Cheerivie rückte ein wenig näher an den Uhu
heran. Dann sagte sie: »Erinnerst du dich an die Worte, die du mir zum Abschied sagtest? Du meintest, dass es dort droben sehr einsam sei und ich ganz allein in der Höhe bin! Erinnerst du dich noch an diese Worte?« 

 Der Uhu nickte einige Male, natürlich wusste er es noch, war er doch sehr traurig gewesen, dass Cheerivie damals davon flog. »Ich will etwas erleben, auch wenn ich dabei einsam bin! Das waren damals deine Worte«, sagte er dann, »nun bist du wieder da und hast deine Erfahrungen gemacht. Wahrscheinlich lernt man nur aus seinen eigenen?«

    Cheerivie nickte, dann sagte sie lächelnd, in dem sie den Uhu anblickte: »Genau so ist es. Als ich meinen Gefährten verließ, waren die Jungen schon fort. Ich erzählte es dir ja. Wir trennten uns friedlich, so wie es bei vernünftigen Paaren sein sollte. Ich hatte auch keine Gewissensbisse deswegen.« Der Uhu sah sie an: »Ja, du warst so voller Tatendrang, da wäre jedes Wort zu viel gewesen, das dich davon abhalten wollte. Ein wenig habe ich dich auch beneidet. Wie gern wäre ich auch einmal nach Süden gezogen!«Vögel_109

    Sie schwiegen lange, die Dunkelheit schlich langsam durch die Wipfel der Bäume. Die Schatten auf der Lichtung waren länger geworden, aus den Farbtönen des Waldes wurde allmählich ein verwaschenes Braun.
Leise gähnend sagte Cheerivie: »Ich muss mir nun erst einmal für heute einen Schlafplatz suchen. Bin doch ganz schön müde von der langen Reise.«
»Hier in meinem Baum ist Platz genug,« 
meinte der Alte, »wenn dir das nicht zu einfach ist?« 
»Ich nehme dein Angebot gerne an. Glaub bloß nicht, dass ich unterwegs auf Rosen gebettet war. Ich kenne nun auch die Schattenseiten des Lebens!«
Cheerivie schüttelte fröstelnd ihr Gefieder. 
»Ich bin froh, dass ich wieder hier bin. Ich war gern unterwegs, aber ich komme auch gern wieder zurück.«
»Nur zurück? Oder zurück in die Heimat, nach Hause?« 
Der Uhu fragte es leise, indem er Cheerivie von der Seite anblickte. »Weißt du genau, wohin du zurückkehrst oder ist es nur ein Zwischenaufenthalt auf einer Reise ins Ungewisse?« 

     Cheerivie schwieg längere Zeit. »Ist unser ganzes Leben nicht ein Zwischenaufenthalt,« fragte sie dann, »wohin unsere Reise - deine und auch meine letztlich geht, weiss niemand. Wenn ich mich entschlossen habe nun hier zu bleiben, weiss ich denn, was morgen sein wird?«

  Der Uhu nickte zustimmend. »Sicher, du kennst nun die Unwägbarkeiten des Lebens. Hast auf deiner Reise viel dazugelernt.« 
Er lachte auf. »Eines aber wissen wir beide sicher. Dass nichts sicher ist! Und dazu brauchen wir auch keine schlauen Persönlichkeiten, die uns beibringen wollen, was wir schon wissen.«

    Cheerivie hing ihren Gedanken nach, dann meinte sie: 
»Da sagst du etwas Unumstössliches, nichts ist sicher. Aber wer niemals etwas wagt, wird sich auch nicht weiter bewegen. Und Wagnis bedeutet auch immer automatisch Risiko. Wie kann ich aber über die Probleme der Welt mitreden, wenn ich niemals aus meinem Wald herausgekommen bin?« 
Cheerivies Augen blitzten energisch. »Ich kenne die Gefahren dieses Waldes. Sind es die gleichen an anderen Orten oder habe ich da mit ganz anderen zu rechnen? Ach, weiser Uhu, auch wenn du nicht ›der Weise‹ genannt sein willst, alles - alles ist dir auch nicht bekannt!«

    Der Uhu schaute sie ganz ruhig an: »Hab ich das jemals behauptet? Nein! Wer selbst von sich behaupten würde, er sei weise, dem würde ich sagen, dass er ein Lügner wäre!«
Cheerivie berührte leicht das Gefieder des Alten. »Das weiß ich doch Uhu, gerade deshalb wollte ich deine Freundin sein. Du bist genau der Punkt, zu dem ich zurückkommen wollte.
Alles andere ist mir fremd geworden. Du nicht! Weil du ehrlich bist.«
»Du machst mich verlegen«,
meinte der alte Uhu, »Hör auf damit
»Ja, ist schon gut.« Cheerivie hielt einen Flügel vor ihren Schnabel, »ich mag dich eben, alter weiser Uhu. Wir sehen uns morgen früh wieder, deine Arbeitszeit beginnt ...«
     Cheerivie steckte ihr Köpfchen unter einen Flügel und schlief kurz darauf sanft ein. Der alte Uhu freute sich, dass die kleine Freundin wieder in den heimatlichen Wald zurückgefunden hatte. Er brummte noch einen Gute-Nacht-Gruß und flog dann mit einem letzten Blick zurück auf lautlosen Schwingen hinein in die Dunkelheit des Waldes.

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Goodbye means forever?

Dieses Goodbye dauert sicher keine Ewigkeit, die Endlosigkeit eines solchen Abschieds ist nicht messbar. Die niederdrückenden Glockentöne sind längst verklungen, irgendwo singt eine Amsel ihr Frühlingslied. Sie weiss nichts von Abschiedsmelodien, sie lebt nur. Ganz einfach. Sie feiert Tag für Tag die Reinkarnation ihres Lebens, ohne zu wissen, warum.div_356

     Hier und da am Rande des Weges nur wenige Blumen auf den letzten Ruhestätten. Ein wenig verwaschene Farbe dringt durch sie in das trostlose Regengrau des morgendlichen Tages. Die Birken am Wegesrand erweisen mit ihrem Grün dem Sommer Reverenz. Unter trostlosen Regenschirmen eilt eine Anzahl schwarz gekleideter Gestalten den Weg entlang. Es scheint, dass man diesen Ort so schnell als möglich verlassen möchte. Hier und da blitzt noch ein verschämtes Taschentuch auf, halblaute Gespräche, von der nebligen Luft fast verschluckt, ein dezentes Hüsteln.

Der letzte Mann schließt die gusseiserne Pforte dieses stillen Ortes hinter sich. Zurück bleibt das Erdenkind, das man zur letzten Ruhe trug. Die Vergänglichkeit nimmt Gestalt an. Asche wird zu Erde, wenn auch unsichtbar. Alles nimmt seinen Gang wieder auf. Das Leben geht weiter. Welch ein allgemeines, radikales Wort. Das Leben geht weiter! Natürlich geht es weiter, die Zeit bleibt ja nicht stehen. Aber für die engsten Betroffenen scheint die Sonne still zu stehen. Bei ihnen ist eine Lücke entstanden, ein Zwischenraum, der einstmals gefüllt war mit Liebe und Vertrauen, mit Aufmerksamkeit und Freuden. Natürlich auch mit Verdruss und Ärger, die auch zum Leben gehören!

     Nun ist diese Kette durchbrochen, ein Glied daraus ist entfernt. Dieser Mangel wird sich noch lange bemerkbar machen. Wir stellen Fragen dazu, ständig stellen wir Fragen. Nach dem Warum. Dabei ist doch alles klar, niemand müsste fragen, die Antworten liegen seit der Geburt auf dem Tisch. Und dennoch, seit Äonen von Jahren werden immer die gleichen Fragen gestellt und auch immer die gleichen Antworten gegeben. Wozu also? Um das Leid besser zu ertragen?

     Im Laufe des Lebens haben wir alle gelernt, dass unsere Schritte mit zunehmendem Alter bedächtiger werden, leiser und leiser. Wir sind unschlüssig in den Gedanken an unser eigenes Dasein. Ist das Feuer der Jugend erloschen? Nein, beileibe nicht, doch es hat sich zu Glut verändert, Träumten wir früher von der Zukunft, so ist es heute die ferne Vergangenheit, die uns so manches Mal übermannt.

     Durch diese Reminiszenz entsteht die Unsicherheit in unserer Gegenwart. Wir können sie nicht einfach weglegen wie ein Buch, in dem wir gelesen haben. Stets fügen sich immer wieder Gedanken und Worte in unser Gedächtnis ein, die wir längst verschwunden geglaubt hatten. Wie alte Lieder, die auftauchen und unser Gedächtnis ständig mit ihrer Klangfolge wieder und wieder erobern und oft stundenlang belagern.

      Wir sangen doch früher immer gern. Wir singen auch heute noch. Aber unser Gesang, mit dem wir das Leben umrahmen, wird immer leiser, weicher, melodiöser. Aus dem Lied, das einst unsere Freude am Dasein transportierte, treibt nun die Melancholie neue Triebe, die das Herz berühren. Diese Melodie des Lebens, immer wieder neu interpretiert, versucht aus dem Schatten der Vergangenheit Knospen hervorzubringen, Sprösslinge, die niemals zu Blüten werden, weil ihnen die Zeit fehlt.

      Wie sinnlos erscheint doch der Lebensbaum an der Friedhofspforte. Wozu steht er dort? Mit Liebe wurde er einst gepflanzt, zum Zeichen der Erinnerung an Menschen, die auf ihrem letzten Weg vorbeikamen. Sinnlosigkeit hat also ihren Sinn. In dieser Allee des Vorübergehens auf jeden Fall. Sie gehört dazu, zum Leben, zum Abschied nehmen.

     Hinter den stillen Kulissen des vergangenen Lebens aber beginnt die nächste Strophe des Liedes, das täglich neu gesungen wird. Der Himmel wird nicht immer so grau bleiben, wie er heute den Menschen erscheint, die am Ort der Ruhe nun entfliehen. Am strahlend blauen Himmel werden dann wieder weiße Federwolken übermütig durch die Lüfte jagen. Bunte Falter gaukeln über geschmückten Gräbern von Blume zu Blume, freuen sich des Daseins, weil sie ihre Endlichkeit nicht ahnen können. Friedhf_002

     Goodbye, niemand der gegangen ist, wird vergessen. Wichtig aber ist, dass nun keiner bei dem Gedächtnis stehen bleibt! Wie hieß doch die Allerweltsformel? 
Das Leben geht weiter
?
Es ist tatsächlich so. Und alle, die hinter dem dunklen Vorhang entschwunden sind, haben uns doch etwas voraus: Sie sind bereits dort, wohin wir alle noch gehen. Aber wir holen sie ein! Ganz gewiss.

     Goodbye means forever? Nein. Aber es sind nun mal Momente der nicht einsehbaren Ewigkeit, die jeden bedrücken. Wir Menschen wollen wissen, was hinter dem Vorhang ist! Deshalb diese ganzen esoterischen Versuche, ihn ein wenig zu heben. Unnötig weil unsinnig. Wer das erfasst hat, ist schon ein gutes Stück weiter auf seinem Weg der inneren Freiheit! 

Goodbye, irgendwann und irgendwo ...

part-A

 

 

 

 

Wie hast du das gemeint?

Viele Spannungen zwischen Menschen entstehen durch Fehlinterpretationen in der Kommunikation. Das bedeutet im Klartext: Wir müssen besser zuhören, auch den Anderen zu Wort kommen lassen, ihm dieses Wort nicht einfach abschneiden, indem wir weiterreden! Das alte Bonmot hat wirklich immer noch Bestand: Die Frau fragt ihren Mann: »Warum sagst du nichts?«
Er antwortet: »Wann komme ich denn mal dazu?«

    Natürlich, wir lachen darüber. Aber ist das wirklich lächerlich? Wir alle sind reizbarer geworden. Wer weiß das nicht? - wir kommunizieren größtenteils nur noch über Foren, Chatrooms und Email-Kontakte.
Das mag ja manchmal ganz nett sein, ersetzt das aber die echte Begegnung mit Freunden? Jene Freunde, die gestern noch für ein zweites Leben »echte« Freunde zu werden schienen, standen plötzlich gesichtslos hinter ein paar Worten.

    Hinter welchen Worten, danach wurde gar nicht mehr gefragt, oft stellte es sich heraus, dass beide Gesprächspartner ganz etwas anderes meinten, als das geschriebene Wort es ausdrückte. Früher, als man von Person zu Person reden konnte - (fast hätte ich gesagt: Als die Tiere noch sprechen konnten!) - da wurde etwas Falsches sofort korrigiert, die Interpretation dazu gegeben und Klarheit geschaffen, auch wenn es manchmal nur durch Körpersprache war!

    Cyber-Kontakte sind oft mehr schlecht als recht. Sie erhöhen die Missverständnisse, und die »Mäuse, die einen Berg gebären«, können nicht mehr zurückgeholt werden. Durch Chat und Mail-Sprache mit diversen Kürzeln erscheint alles emotionslos. Es ist schließlich doch so, dass Reaktionen auf Vorangegangenes erst später beantwortet werden können. Zwischenzeitlich werden beide Seiten schon an etwas anderem gearbeitet haben und der direkte Draht ging dabei verloren.Diversalis_508

    Natürlich, mehrere Chat- und E-Mail-Kontakte bieten auch nette Freundschaften, das ist unbestritten. Aber wenn die andere Person Sie nicht genau kennt, kann eine »Beziehung« in zwei Sekunden unterbrochen werden! Diese Scherben bringen viel längeren und tieferen Schmerz, als wenn so etwas nach einem gewöhnlichen verbalen Argument geschieht! Schließlich muss ja nur die Nachricht ›gelöscht‹ oder die Person ›entfernt‹ werden, möglich ist auch, man ›sperrt‹ sich selbst.

    In der Tat hören wir eben oft nicht mehr genug zu, zum Beispiel im Chat. Es genügt, dass ein Wort falsch aufgefasst wird und es ist keine Chance mehr da, sich zu verteidigen. Der Eine versucht immer noch, den Kontakt aufzunehmen, weil er den Anderen online sieht - vergeblich! Wann und ob überhaupt noch die Möglichkeit dazu gegeben ist, bleibt eine offene Frage.
Noch schmerzhafter aber ist für einige die Tatsache, dass viele Partner einfach keinen Kontakt mehr wollen, da dieses entweder falsche oder fehlinterpretierte Wort dazwischen steht und nicht ausgeräumt werden konnte. Dies passiert natürlich auch im direkten Kontakt untereinander. Aber längst nicht mit solchen fatalen Folgen, da man ja zeitgleich die Möglichkeit hat, sprachliche Ungereimtheiten auszuräumen, man fragt beispielsweise: »Wie hast du das gemeint?«

    Wir lesen heute viel über Internet-Freundschaften! Gott-sei-Dank gibt es die, ich selbst wäre der Letzte, der darüber negativ urteilen möchte. Aber es ist auch eine Wahrheit, dass viele dieser Bekanntschaften nur Schatten-Freundschaften bleiben, die am Rande des einzelnen Lebens um ihre Daseinsberechtigung kämpfen! Ich erinnere dabei nur an die sogenannten ›FACEBOOK-Freunde‹! Nichts und niemand wird mich dazu bringen, diese ›Like‹-Bekanntschaften als Freundschaften zu titulieren!

    Freunde - auf non-persona-Ebene - ? nun, es gibt kein anderes gutes Wort dafür, also bleibt es dabei. Vielleicht aber ist das auch ein kleiner Meilenstein zum gegenseitigen Verstehen des anderen Menschen, des anderen Volkes, der anderen Nation? Das wäre dann ein kleiner Beitrag zu einem Miteinander in Frieden und Verständnis. Das kann aber nur dann geschehen, wenn beide fragen: Hast du mich (richtig) verstanden?

     Du lebst auf dieser wunderschönen Erde und freust dich deines Lebens. Du bist zufrieden mit deinem Dasein, wünschst dir eigentlich nur, dass alles so bliebe, wie es gerade ist. Dann aber, eines schönen Tages, vermisst du deine Vergangenheit. Gestern - wie lange ist das schon her? Wo blieb das Gestern? Wo die Kindheit, wo die Freunde der Jugendzeit? Auf dem Weg des Lebens, diesem verschlungenen Pfad des menschlichen Daseins, ging so viel verloren. Wo blieben die Hoffnungen, die du hattest, als du noch jung warst? Vermisst du diese vergangenen Zeiten? Warum?

     Es ist unnötig. Du hast neue Erlebnisse gehabt, neue Freunde gefunden, eine neue Liebe, die der »ersten« Beziehung auf jeden Fall überlegen ist, weil sie dich als das sieht, das du heute bist: Ein lebendiges Wesen mit Stärken und Schwächen, mit Erfahrungen, die nicht mit Gold zu bezahlen sind, denn du hast aus ihnen gelernt!
Es ist aber auch möglich, dass du nur vergessen hast, dem Gestern Adieu zu sagen. Es kann sein, dass du damals Worte nicht gesagt hast, die du hättest sagen sollen, nicht wahr? Vielleicht war es nur das kleine Wörtchen: »Entschuldigung«. Und nun ist es zu spät, der Mensch, für den es bestimmt war, ist nicht mehr da, lebt vielleicht nicht mehr. Ist es wirklich zu spät? Nein, ich denke nicht. »Das gesagte Wort kann man nicht zurückholen!« heißt es in einem Aphorismus.

    Das ist auch richtig, aber das nicht gesagte kann man immer noch aussprechen, kann man zu jeder Zeit noch loswerden. Notfalls vertraut man es einem Blatt Papier oder der Tastatur des Computers an. Auch wenn es vielleicht den Adressaten nicht mehr erreicht: Dir selbst hilft es, dein Gewissen zu erleichtern. Ist das nicht schon viel wert? Zeigt es dir doch, dass du ein Mensch bist, der sicher viele Schwachstellen in seinem Leben hat, der möglicherweise aber durch Umstände daran gehindert war, sich zu äußern. Wenn du das nun änderst, zeigst du dir - und damit auch den Anderen - dass du Fehler zugeben kannst (auch wenn es vielleicht schwerfällt.)

    Du kannst es. Platon, der griechische Philosoph sagte einst: »Die Wahrheit liegt nicht in den Worten, sondern zwischen ihnen.« 
Spürst du die Erkenntnis, die in diesen Worten liegt? Natürlich empfindest du es. Wenn es aber so ist, solltest du eines wirklich nicht tun: Warten, obwohl du nicht mehr warten müsstest! Etwas wissen, aber nicht ausführen, obwohl es wichtig wäre, es zu tun, kann nicht positiv sein. Es belastet dich selbst und deine Beziehung zu dem betreffenden Menschen!

 In unserem Dasein geht es zu wie in einer Schachpartie: Ein falscher Zug zeigt Auswirkungen, die verheerend sein können. Ich bin überzeugt, wenn du genügend in deiner eigenen Vergangenheit forschst, wirst du gewiss solche »Züge« finden.
Mir jedenfalls geht es manchmal so. Dann fallen mir bei etlichen Gelegenheiten Situationen ein, bei denen ich mich frage: Wie war es denn damals? Und schon wäre eine adäquate Lösung parat. Aber das ist eben nicht der »Deus ex Machina«, ist es deshalb nicht, weil die Ausgangslage eine andere war. So geschieht es, dass ständig neue Verhaltensstrukturen auftreten, die auch ständig neue Auswirkungen haben. Es ist also nicht richtig, ständig in der Vergangenheit zu schürfen. Es kann keine Vergleichsmöglichkeiten geben! Gestern ist Gestern und Heute ist Heute. Glaubst du, morgen wäre es anders? Nein. Es ist somit wichtig, was du heute tust! Wenn es nötig sein sollte, dann sag doch ruhig mal: »Verzeihung!« 
Du vergibst dir nichts dabei, es macht dich nur sympathischer! »Das gesagte Wort kann man nicht zurückholen!« 
Wie wahr. Aber dieses Wort dürfen wir ja auch stehen lassen, weil es auch unserer Wahrheit entspricht!

part-A

 

florea_420

 

Gestern und Morgen

Der Tag kommt, irgendwann.
Die roten Rosen lassen stumm
die Köpfe hängen.
Der weiße Schleier 
der Vergessenheit
trennt messerscharf
das Gestern nun vom Heute.

Das Gestern war -
Und es war schön -
Aber es war und ist nicht mehr.
So manches Mal löst sich 
ein Traum ganz einfach auf.
So manches Mal geht auch
ein Mensch verloren und
ist plötzlich nicht mehr da.

Die roten Rosen werden grau,
Erinnerung verblasst 
nach vielen Monden,
aber sie bleibt, ein Leben lang.
Und irgendwann verschwindet 
Gestern, Heute, im Morgentau 
der Zukunft.
 

 

part-A

 

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