Novella 2

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Bitte umblättern

Blätterst du manchmal auch 
in deinem Tagebuch des Lebens?
Nimmst den angefeuchteten Zeigefinger
und wendest eine Seite nach der anderen um?

So ist es nun mal im Menschendasein:
Täglich erfährst du, wie das Leben etwas
in dein Tagebuch schreibt,
ob es dir nun Recht ist oder nicht.

Rückschau halten heißt ja nicht,
an der Vergangenheit hängen bleiben.
Es kann auch bedeuten, dass du aus
Vergangenem Lehren ziehst .

Manchmal sind diese Seiten umfangreich.
Es scheint, dass nicht alles hinein passt
in diesen deinen Tag,
so eng stehen die Zeilen beieinander.

Dann wieder ist es nur eine kleine Notiz,
die du liest, kaum der Rede wert. 
Du meinst vielleicht, es lohnt sich gar nicht 
weiter zu lesen, so uninteressant ist es.

Wenn du nun aber eines Tages siehst,
dass die Seiten anfangen weiß zu bleiben, 
dann ahnst du im innersten Winkel des Herzens,
dass du aufhören wirst zu leben.

Lass dies nicht zu, lass jeden Tag
etwas Neues entstehen
und sei es auch nur Aufgewärmtes
vom Vortag ...
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part-A 

 

Licht ohne Schatten?

Unsere Sonne ist der Ursprung unseres Seins. Seit der Mensch denken kann, bis in die heutige Zeit gilt sie und mit ihr das Helle und Strahlende, eben das Licht, als Grundlage des Lebens.
Nach endlosen Jahrhunderten voller Energie und lebendiger Fantasie aber ist der Mensch immer noch ein Suchender! Er schaut über den Äquator seines Lebens hinaus, sieht nirgendwo den Wendepunkt. Weiter, immer weiter treiben ihn die Stürme des Lebens. Wohin? Lichtete sich der Nebel jemals, leuchtete irgendwo die Sonne in der Dunkelheit? Ein Blinder fühlt die Dunkelheit, sagte man.
Es liegt doch alles offen vor ihm und doch sieht er nichts. Wo, so fragt er die dahinziehenden Wolken, wo ist das Licht am Ende der Zeit?
Sie geben ihm keine Antwort auf die drängenden Fragen, durch ihr Schweigen werden nur weitere Rätsel aufgegeben. Seit Jahren nichts als Rätsel einer dunklen Zeit, die sich nach Licht sehnt. Eine Zeit, die in der Dunkelheit des Lebens keinem mehr eine Heimstatt bieten kann.

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    Der Mensch versucht dann, auf seine Seele zu hören. Auf die Laute, die ihm die Vergangenheit singt, auf die Melodie seines Daseins. Aber es kommt kein Ton von innen, kein Wort des Erkennens und kein Wort der Liebe. Sucht er vielleicht nach einer Antwort, der keine Frage vorausgeht? Er findet diese Antwort jedenfalls nicht, natürlich nicht, er findet keinen Sinn und er findet sich selbst nicht. Auch wenn er sich unentwegt weiter bewegt auf der Schiene seines Daseins, wenn er sein offenes Leben hell aufgeblättert vor sich sieht - eigentlich ist es viel mehr als das, was er je erwartet hätte! Es ist mehr als ihm zusteht, denkt er dann.

    Müsste er heute wählen, taub oder blind zu sein, würde er vielleicht Taubheit bevorzugen. Man hört oftmals mit den Augen mehr als mit den Ohren. Der Hintergrund aller menschlichen - und damit auch unserer - Gedanken ist der Schattenvorhang des Gewissens!
Geht dieser Vorhang irgendwann hoch, liegen alle Gedanken offen im  Licht der Bühne ausgebreitet. Deshalb bleiben die Plätze im Theater des Lebens auch so oft leer, weil die Resonanz aller Besucher ihnen ihre eigenen Fehler und Schwächen aufzeigen würde.

    Der Mensch jedoch braucht Licht. Alle Spots an, noch mehr Scheinwerfer. Es werde hell, denn die Dunkelheit zeigt uns nicht die Wahrheit, sie kann es einfach nicht. Sie verdeckt all das, was in allen Menschen steckt und verbirgt wie so oft, die Folgen ihres Tuns.
Wer zieht nun an den Fäden der Dekoration? Wer schaut hinter die Kulissen? Der Zuschauer jedenfalls sieht nur, was er sehen soll - und was er sehen will. Das ist naturgegeben, ein Blick in die Dunkelheit der Versatzstücke ist da nicht vorgesehen.
Wer an seinem eigenen Bild arbeitet, darf keine Konsequenzen scheuen, Menschlichkeit ist hier nicht angesagt. Was kümmert den Betrachter im Museum das Modell des wunderschönen Aktes?
Er möchte nur das Künstlerische bewundern, den Ausdruck, die Impressionen des Malers. Was soll da das Vorbild dieses Gemäldes. Es hat ausgedient, ist nicht mehr nutzbar.

    Dunkelheit und Licht streiten ja oft um die Vorherrschaft des Daseins. Der Teufel steckt dabei wie immer im Detail! Beide können nebeneinander existieren, wenn sie nur eine Basis finden, bei der beide die Möglichkeit haben, sich zu zeigen, sich die Hände zu reichen. Warum sagt ihnen niemand, dass beide ohne einander gar nicht existieren können?
Ohne Licht kein Schatten. Doch einen Schatten gibt es nur, wenn die Lichtquelle so stark ist, dass außerhalb des Schattens noch eine Lichtreflexion wahrgenommen werden kann. In der Natur erscheint der Schatten umso dunkler, je heller das Licht ist, das ihn wirft.

    Gilt dieser Grundsatz nun auch für Menschen? Das würde bedeuten: Je positiver (oder heiliger) ein Mensch ist, desto negativer (oder unheiliger) ist sein Schatten. Wenn jeder Mensch das erkennt, wird er fassungslos vor diesem Dilemma stehen, das ihn polarisiert, wird dabei seine eigenen Schattenseiten nicht fassen können!

    Aber auch die Umkehrung gilt: je finsterer der Schatten, desto mehr Lichtpotenzial ist vorhanden. Hier liegt auch der Grund, warum aus heißer Liebe kalter Hass werden kann! Wie gesagt: Es kann, muss aber nicht sein; wenn die Betroffenen ein Auge immer auf ihrem Schatten haben, könnten sie das auch steuern. Leider liegt hier auch die Wurzel vieler Konflikte.
Goethe lässt seinen Götz von Berlichingen sagen: »Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.«   Eine schlichtere Weisheit gibt es im Grunde gar nicht. Dies Wort Goethes - auch in abgewandelter Form - meint aber weniger die physikalische Seite als viel mehr die menschliche. Im Prinzip meint es ja nur: »... wo es das Gute gibt, gibt es auch das Schlechte«. (Obwohl man ja im Sommer weiss, wie wohltuend Schatten sein kann!)

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    Licht wurde und wird seit jeher immer nur als das Positivum gesehen. Das Helle scheint dabei immer das Gute zu sein. In allen Weltreligionen erscheint die Erlösung - (der Erlöser) - stets als Gestalt, die mit dem Licht aufs Engste verbunden ist.

    Schatten aber ist auch unerlässlich für die menschliche Erkenntnis. Wer nur in gleißendes Licht starrt, sieht gar nichts. Dass nicht nur das Licht, sondern auch dessen Abstraktion, der Gebrauch des Schattens, eine grundlegende Rolle im täglichen Dasein wie auch im kulturellen Leben spielt, ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Denn so sehr wir das Licht brauchen, wir brauchen auch die Dunkelheit.
Unser Körper, unsere Seele brauchen die Phase der Erholung, sonst ergeht es dem Menschen wie einem Streichholz: Es leuchtet kurz und heftig auf - und erlischt. Zurück bleibt kein Schatten, kein Licht, sondern die völlige Dunkelheit ...

 

part-A

 

Träumereien

Oftmals habe ich schon über meine Träume sinniert. Was geht in meinem Kopf vor, wenn ich sekundenschnelle Bildabläufe in der REM-Phase meines Schlafes vor mir sehe? In dieser ‘Rapid Eye Movement-Phase’ glauben wir Geschehnisse mitzuerleben, die in der Realität gar nicht passieren.

   In einer amerikanischen Veröffentlichung las ich kürzlich, dass Träume quasi Ansichtskarten unseres Unterbewusstseins sind, die vom inneren »Selbst« zum äusseren »Selbst« gesendet werden. Dabei versucht die rechte Gehirnhälfte mit ihrer Nachricht, den Graben zu der linken zu überqueren! Da geschieht es dann häufig, dass diese Nachricht zurückkehrt mit dem Vermerk: »Zurück zum Absender, Adresse unbekannt!«

   Irgendwo muss dort innerhalb unserer Denkmaschinerie ein Labyrinth von Eindrücken bestehen, in dem mehr oder weniger oft -je nach Gemütslage oder Anspannung - die Wege nicht mehr in geraden Linien verlaufen, sondern in einem wirren Durcheinander, kreuz und quer ihre Bahnen ziehen.

   Da draussen, ausserhalb der inneren Gedankenwelt, existiert je nach Sichtweise eine ganz andere Daseinsform. Eine, die unsere Ängste und Nöte, Wünsche und Leidenschaften offenbart und uns in Bruchteilen von Sekunden in den Traumbildern ein Leben vorgaukelt, dass so in keiner Form realisierbar ist.
Solche Sekundeneindrücke sind keiner Logik zugänglich, dennoch sind sie ein wichtiger Teil unseres Daseins, unseres Ego.Div_102

   Da unsere Träume als Gefühle in bewegten Bildern gesehen werden können, spiegeln sie Erfahrungen aus dem Alltag wider, einem Alltag in dem wir sehr mit Eindrücken der Außenwelt beschäftigt sind. In unseren Träumen aber erleben wir, was uns wirklich bewegt. Dabei verraten die oftmals wiederkehrenden Grundmuster, was uns in den Träumen beschäftigt.
Wenn wir diese Muster zu erkennen versuchen, haben wir auch die Möglichkeit, viel über uns selbst zu lernen. Träume spiegeln das psychische Erleben während des Schlafes. Fälschlicherweise gingen Mediziner und Psychologen lange davon aus, dass unser Gehirn im Schlaf ›abgeschaltet‹ wird.

    Man hielt Träume ganz einfach für das Ergebnis einer zufälligen Aktivität von Nervenzellen ohne jede Bedeutung. Heute aber weiß man durch Forschungsergebnisse, dass unser Denken, Erleben und Fühlen während des Wachzustandes im Schlaf immer weiterläuft.

   Wenn wir träumen, leben wir temporär in anderen Dimensionen, in Bereichen, die wir nicht beeinflussen können, die aber dennoch Einfluss auf uns ausüben. Nehmen wir unsere Träume doch bitte so auf, wie sie in unseren Schlafphasen erscheinen: Als Bilder unserer eigenen Welt, mit denen wir ständig korrespondieren.

 

part-A

 

Leben oder was?

Die Tür geht auf. Warum eigentlich? Sein Bewusstsein hat sich verändert, er weiß nicht, warum die Tür plötzlich offen steht. Doch Dietmar ist sicher, dass diese Tür sonst geschlossen ist.
»Tür zu
Er schreit es hinaus auf den Flur, er brüllt es geradezu.
»Ganz ruhig, Herr Michels, ich mache sie ja gleich zu, aber sie wollen doch ihren Kaffee, nicht wahr?«
Aha, Schwester Anne, das ist O.K., sie darf ihm immer etwas bringen, sogar diese gelben und rosa Pillen. Wenn sie ihm dann dazu das Wasserglas reicht, ist er von ihren Augen entzückt. Sie strahlen in einem wunderschönen Veilchenblau, es wäre wahrscheinlich eine Sünde, davon nicht hochgestimmt zu sein.

   Diese feste Regel, dass Schwester Anne den Kaffee zu den Bewohnern in die Zimmer bringt, hat sich fest in den Tagesablauf eingegliedert. Dietmar wartet meist den ganzen Nachmittag auf diese drei Minuten, wenn Schwester Anne den Kaffee bringt. Diese Zeit um Fünfzehnuhrdreissig scheint wie ein fester Block in seinen Gedanken zu liegen.
Vielleicht ist es, weil ihre Freundlichkeit ein Höhepunkt seines Lebens ist? Viel mehr Freuden hat er eigentlich nicht. Seine Erinnerungen treiben ziellos im Fluss des Vergessens dahin, es ist ein stetes Fließen ohne jede Möglichkeit, diesen Strom zu steuern.Human1_036

    Die Synapsen haben sich miteinander verknotet und so werden aus den Bruchstücken der Vergangenheit stets neue Fragmente der kurzzeitigen Zukunft.
Dietmar fragt sich schon lange nicht mehr, wer er eigentlich ist. Er weiss es einfach nicht mehr! Gedankenverloren starrt er auf ein Bild, das auf dem Tisch liegt. Wer diese Menschen wohl sind, die er dort sieht, - und warum liegt das Bild da überhaupt?

    Schwester Anne reicht ihm seinen Kaffee. »Muss eine wunderschöne Reise gewesen sein«, sagt Anne. »Sie waren damals wohl auf Hochzeitsreise? Ihre Frau sieht auf dem Foto aus wie eine Schauspielerin! Das war sicher in Venedig, nicht wahr? Übrigens, sie möchte sie gern heute besuchen!«
Dietmar sieht sie verstört an. Dann schüttelt er mit Vehemenz den Kopf.
»Unmöglich. Ich war nie in Venedig. Und das ist auch nicht meine Frau. Wer soll das sein? Ich habe keine Frau! Und die da soll bleiben, wo sie ist, ich - will - sie - nicht - sehen!«
Er nimmt das Foto noch einmal in die Hände, führt es ganz dicht vor seine Augen. Dann wirft er es zornig auf den Boden und stampft mit einem Fuß darauf herum.
»Ich bin es leid, dass ihr mich immer mit fremden Frauen verkuppeln wollt. Ich brauche keine Frau. Ich kenne die überhaupt nicht und den Kerl daneben schon gar nicht«.
»Aber nicht doch, lieber Herr Michels, das sind doch sie selbst!«
Schwester Anne bleibt die Ruhe selbst, auch als Dietmars Ton harscher wird. Sie ist so etwas gewohnt. Da hilft nur stoische Ruhe.

    Dietmar steht nun vor ihr, wutentbrannt, zeigt dann mit der Hand auf den Flur: 
»Verlassen Sie mein Haus! Sofort!« Schwester Anne geht zur Tür, dann sagt sie ganz freundlich, indem sie die Tür schließt:
»Ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend, Herr Michels.«
Auf dem Flur steht Marlene Michels an einem Fenster und schaut gedankenverloren hinab in den Hof. Die heftigen Worte im Zimmer bei der halb geöffneten Tür hat sie mitgehört, mit verweinten Augen sieht sie die Schwester an.

    Anne legt ihr die Hand auf die Schulter, schüttelt dann traurig ihren Kopf.
»Es hat keinen Sinn«, sagt sie dann, »Ihr Mann ist weit weg, ganz weit. Er erkennt sich selbst nicht, lebt in seiner Welt, die es so gar nicht gibt. Sie müssen lernen, es zu akzeptieren. Unbedingt! Sonst zerstören Sie ihr eigenes Leben. Und das wollte ihr Mann ganz bestimmt nicht!«
Marlene schaut die Schwester an, nickt lethargisch mit dem Kopf. Ihre Schritte werden unsäglich schwer, als sie zum Ausgang geht.
Aber sie weiß, sie wird wiederkommen, immer und immer wieder ...

 

part-A

 

Es ist still geworden.

 Als er in der Frühe wieder zu ihr kommt, hat der morgendliche Ablauf schon seinen Anfang genommen. Wie jeden Morgen singt Maria mit ihrer wunderschönen glockenhellen Stimme ihr Lied und die Menschen im Speisesaal hören ihr begeistert zu. 
Alle Schwestern und Patienten kennen dieses eintönige, unharmonische Lied, es beginnt und endet immer mit dem gleichen Ton. Dieser Ton verklingt zwar schnell, ist jedoch unterschwellig immer hörbar, ohne dass ein Nachhall die Resonanz stört. Irgendwann wird der letzte Ton zum Schweigen gebracht, ist nun nach zahllosen Wiederholungen unhörbar geworden. Dann tritt für lange Zeit eine Stille ein. Eine erbarmungslose Stille, sie eroberte den Raum sehr schnell wieder zurück.

     Maria verbeugt sich nach allen Seiten, wirft hier und da eine Kusshand in den Saal und setzt sich dann an ihren Frühstückstisch.
Dann schweigt sie. Es ist, als wäre der Stundenschlag der Glocke verhallt und ruhte sich nun aus für den nächsten Auftritt. Die wunderschönen blauen Augen der Frau leuchteten früher stets in leidenschaftlichem Glanz, jetzt sind sie stumpf geworden, blicken rastlos im Raum umher. Ihre ziellosen Blicke verursachen ein Chaos in seinen Gedanken.  Human1_014

    Sie schaut ihn an, aber sie sieht ihn nicht. Sie erzählt etwas und weiss doch nicht, was sie sagt. Sie sitzt vor ihrem Teller und kann allein nichts damit anfangen. »Mutti« nennt sie die Nachtschwester und erzählt ihr, dass ihr Bruder sie geschlagen hätte. Ihre Worte sind keine Sätze mehr, nur halb verständliches Kauderwelsch.

    Jeder dieser emotionale Momente bringt seine Gedanken ins Ungleichgewicht, baut sich zeitweilig auf zur Aggression, um kurz darauf in eine tiefe Mitleidsphase zu versinken. Er will mit ihr zusammen sein, ja, aber er kann sie nicht mehr erreichen. Sie lächelt ihn an, ein leeres Lächeln, das nichts weiter bedeutet. Er versucht daraufhin, ihr etwas Liebes zu sagen, sie versteht es nicht, nickt nur mehrmals heftig mit dem Kopf. Ihr Blick verrät ihm, dass sie nichts verstanden hat.

     Trauer macht sich in seinem Gemüt breit, wie stets in solchen Situationen drückt sie sein eigenes Ego völlig an den Rand des Daseins. Maria ist nicht mehr seine Maria und doch ist sie seine Frau, die er so sehr geliebt hat und immer noch liebt. Er wünscht sich nichts mehr, als in ihre Welt eindringen zu können, sie zu verstehen, wie er sie in all den Jahren ihres Zusammenseins immer verstanden hat. Doch sie ist ihm entglitten, ist nur mehr eine leere Hülle, ihre Seele hat sie schon längst verlassen. Er muss einfach akzeptieren, dass ihrer beider Herzen nicht mehr im gleichen Takt schlagen, sondern getrennt voneinander in verschiedenen Existenzen leben.

     Welch eine Wahrheit, welch eine unselige Gewissheit wird hier offenbar. Wie weit reicht Liebe? Kann sie den Tod überdauern? 
Vielleicht. Kann sie aber einem Leben so viel Energie schenken, dass sie auch weiterhin, trotz einseitiger Zuwendung, bestehen bleibt? Fragen, die kaum jemand beantworten kann.

     Maria ist seine Frau. Gewiss. Aber sie ist ein anderer Mensch. ,Er liebt sie auch weiterhin, aber er liebt einen Menschen, der einmal war und nun nicht mehr der Gleiche ist, nie mehr sein wird.  Um diese Diskrepanz zu begreifen, wird er noch lange Zeit brauchen. Diese frühere Zeit ist auch nicht mehr rückholbar, damit muss er leben. Dieses Leben, sein eigenes Leben in der Zukunft aber wird bedeutend schwerer sein als das Leben seiner Frau, deren Gedanken im Nirgendwo ihre Heimat gefunden haben!

 

part-A 

 

 

Der Oberleitnerhof

 

Bei meiner Wanderung in den Bergen hatte ich mich ohne mein Dazutun verspätet, das plötzliche Gewitter überraschte mich mit einer unbändigen Kraft. Ich konnte mich gerade noch unter einen Felsüberstand flüchten. Der bot mir zwar etwas Schutz, konnte mich aber vor den Regengüssen, die wie ein Wasserfall auf mich herniederprasselten, kaum bewahren. So war dann dieses Gewitter am späten Abend über mich hereingebrochen wie ein Ereignis der Urwelt.
Als dann endlich der Himmel heller wurde, waren fern im Westen Reste der Wolkensegmente hinter den Gipfeln sichtbar, übriggeblieben von diesem Gewitter, das mich so unerwartet überrascht hatte.

Inzwischen war aber die Nacht schon hereingebrochen. In der Dunkelheit machte ich mich auf den Weg ins Tal, liess mich dabei teilweise von dem Seil einer Lastenseilbahn leiten. Es war ein mühsamer Abstieg auf diesem steinigen Wege. Ausserdem war ich noch ziemlich geschockt von diesem lang andauernden Gewittersturm. 
Plötzlich und unerwartet sah ich vor mir ein matt erleuchtetes Fenster! Verborgen zwischen Zinnen aus Dolomitgestein und grünen Matten der Alm, lag vor mir ein BerghofEin verwittertes hölzernes Schild mit einer kaum noch lesbaren Aufschrift: Oberleitnerhof.suisse1

Hier war anscheinend die Ruhe zu Hause, die Stille vom Alltag des Lebens zwischen den grauen Bergriesen, denen die Menschen hier seit uralten Zeiten ihr Leben abgerungen haben, täglich aufs Neue. Und dennoch leuchtete aus diesem Fenster ein Stückchen Frieden, ich spürte einen Hauch von Zufriedenheit, die Hetze der Großstadt hatte hier noch keinen Einzug gehalten.

Auf mein zaghaftes Klopfen öffnete sich an der Seite des Hauses eine schwere eichene Tür. Misstrauisch schaute das faltige Gesicht eines alten Mannes in die Finsternis hinaus. 
»Jo?«
Ich erklärte ihm mit leiser Stimme meine Lage nach diesem Gewitter und bat ihn um einen trockenen Platz für den Rest der Nacht.

Wortlos öffnete er die Tür weit und zeigte dabei mit einem Daumen in das Innere des Hauses. Dann rief er laut: »Jon!«

Und wie auf Befehl stand dann noch ein alter Herr vor mir, dem ersten wie aus dem Gesicht geschnitten, nur einige Jahre jünger. Bekleidet waren die Alten mit Cordhosen, die auch schon bessere Tage gesehen hatten und den unvermeidlichen blauen Tiroler Schürzen, wie sie fast jeder Einwohner der Dörfer trug.

Meine anfängliche Unsicherheit legte sich bald, und nachdem sie mich dann mit Brot und Speck bewirtet hatten, dem dann noch ein Viertel Gewürztraminer folgte, waren wir uns schon bedeutend nähergekommen. Ich hatte das Gefühl, die Beiden hatten Nachholbedarf an Erzählungen, so saßen wir noch bis weit in die Nacht hinein und teilten unsere Erlebnisse. Wobei der Großteil davon auf ihr Konto ging und ich voller Interesse gespannt zuhörte.

Die Familie Oberleitner lebt hier schon seit vielen Jahrhunderten, ganz genau wussten sie es auch nicht mehr. Nach uralten Unterlagen aber existierte der Oberleitnerhof jedenfalls schon im 14. Jahrhundert, als Gräfin Margarethe von Maultasch Landesherrin von Südtirol war und später dem Habsburger König Rudolf IV. das Land übergab.

Sie waren zu keiner Zeit reich, die Oberleitner-Familien. Aber sie konnten mit dem Ertrag ihres Hofes einigermaßen leben. Da sie nun stets mit vielen Kindern gesegnet wurden, zehn bis vierzehn Kinder waren keine Seltenheit, waren stets genug Arbeitskräfte auf dem Hof vorhanden.

Wie es nun aber in alten Zeiten stets an der Tagesordnung war, zahlten auch sie ihren Blutzoll an die jeweils Herrschenden im Lande. Jeder Krieg musste von ihnen, den Bauern und Unfreien des Landes getragen werden und je nach Ausgang des Krieges, wurden sie dann später durch Lehen vom Kaiser mit neuen Ländereien belohnt, im anderen Falle verloren sie wieder alles, oft auch ihr Leben. So manch einer der Bauern musste dann seine Scholle verlassen und verdingte sich bei anderen, die mehr Glück hatten.

Das Leben auf dem Berghof war nie leicht. Manches Mädchen, das dort einheiratete, glaubte am Anfang an das Paradies, wurde aber binnen kurzer Zeit eines Besseren belehrt. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde die Arbeit nicht weniger. Selbst bei Krankheiten, die gottlob nur selten auftraten, wurde bis zur Selbstaufgabe weiter gearbeitet, weil man ja sonst den übrigen Familienmitgliedern mehr aufbürden musste.

Dieses harte Leben hatte die Oberleitnerfamilie auch stolz gemacht, auf ihre Leistung, auf ihre uralte Vergangenheit. Stolz aber kann auch unduldsam machen. Diese Intoleranz war dann auch der Grund, dass heute beide Alten völlig allein leben. Die beiden Brüder im hohen Alter von 81 und 84 Jahren sind übriggeblieben von der Geschichtsreihe ihrer Familien. 
Zwei alte Männer, die nie geheiratet hatten, »weil es sich nie ergab«, wie sie mir erzählten. Ich erfuhr aber auch nebenbei, dass es nie jemand lange auf dem Hof ausgehalten hatte, weder Weiblein noch Männlein.
Dazu waren die Oberleitners stets zu selbstbewusst und herrisch in ihrem Auftreten. Sie ließen halt niemand neben sich gelten.

Walburga Zehntner beispielsweise hatte noch eine Woche vor ihrer geplanten Trauung mit Frieder alles hingeworfen und fluchtartig den Hof verlassen. So waren die beiden nach dem Tod ihrer Eltern allein geblieben. 
»Wir brauchen keinen Menschen«, meinte Jonas, »wir sind uns selbst genug.« 
Er sagte es mit einer Bestimmtheit, dass ich es eigentlich glauben musste. Und dennoch war mir nicht so ganz wohl bei dieser Aussage. Es sprach doch ein großer Rest von Einsamkeit aus ihren Worten, die sie vergeblich versuchten, vor mir zu verstecken.

Es war ja auch immer gut gegangen, bis in die Gegenwart, jedenfalls nach außen hin. Heute haben die beiden Brüder genug damit zu tun, ihre beiden Kühe und ein paar Ziegen zu versorgen, die ihnen noch geblieben sind, dann im Sommer an den steilen Hängen der Alm das gehaltvolle Gras mit den Wildkräutern zu Heu zu verarbeiten. Käse und Butter stellen sie noch in eigener Produktion her und beliefern damit den Krämer. Alles Übrige lassen sie sich mit dem Lastenaufzug aus dem Tal heraufschicken. Elektrizität haben sie aber schon seit dem letzten Krieg erhalten, die Kosten für den Leitungsbau dafür mussten sie aber auch damals selbst tragen.

Sie leben also in ihrer Abgeschiedenheit zwar ärmlich, aber dennoch autark und selbstbewusst ihren Lebensabend hoch droben in den Bergen auf ihrem Oberleitnerhof. Auf der Höhe von 1200 Metern sind sie im Winterhalbjahr fast vollständig abgeschnitten von der Umwelt.
Wie lange das noch so bleiben kann?

Frieder meinte:
»Irgendwann bleibt noch einer übrig, bis auch der seinen letzten Weg gehen wird. Erben haben wir nicht, was dann hier oben passiert, weiss allein unser Herrgott. Und der wirds schon richten!«

Ich schlief den Rest der Nacht im alten Zimmer ihrer Eltern, und ich schlief so gut wie lange nicht mehr auf einem frisch gestopften Strohsack!
Am Morgen klopfte Frieder an die Stubentür. Mit einer Tabakpfeife im Mundwinkel schaute er mich dann verschmitzt an und meinte, dass ich mich draussen am Wassertrog frisch machen könne. 
Das rustikale Frühstück musste man mir nicht lange aufdrängen, und den Tiroler Räucherspeck esse ich seitdem heute noch gern, auch wenn er nicht so gut schmeckt, wie der auf dem Oberleitnerhof!

Der Abschied war für mich unerklärlicherweise sehr sentimental. Wir drei wussten, dass wir uns niemals wiedersehen würden. Aber es war ein wundervolles Erlebnis, das ich in meiner Erinnerung gespeichert habe. Seit dieser Begegnung weiß ich, dass es mehr gibt auf unserer Welt, als die Jagd nach immer mehr Geld und Macht!

 

 

part-A 

 

Wo ist die Heimat?

Neunundvierzig Jahre war es jetzt her. Eine unendlich lange Zeit. Die Soldaten in den erdbraunen Uniformen hatten die Jungen geholt. Mitten aus der Schule. Ein halbes Jahr nach Kriegsende gab es das noch immer. Menschen verschwanden, waren plötzlich nicht mehr da! Einfach weg, ohne eine Spur zu hinterlassen. So wie von Jan auch keine Spur zu finden war. Die Kommandantur hüllte sich in Schweigen. 
»Ich nix wissen, du raus, dawai.«
Alles wartete auf seine Rückkehr. Vergeblich alle Nachforschungen. Keinerlei Ergebnisse über viele Wochen hinweg.Misstrauen machte sich breit in der Nachbarschaft. Es blieben offene Fragen in der Familie, die nie geklärt werden konnten. 
Mutter war die Letzte, die immer noch hoffte. Nächtelanges Warten, Grübeln. Wo ist Jan? Es gab keinen Anhaltspunkt, an dem man sich festbeissen konnte, kein Ziel, das anzustreben war.
Die anderen beiden Kinder, die Schwestern des Jungen, waren noch zu klein, um dieses Ereignis wirklich richtig einordnen zu können.
Neunundvierzig Jahre vergebliches Hoffen, wie hält man das durch? Wie übersteht man diese qualvolle Erkenntnis, dass der Sohn fort ist, ohne dass man weiss, wo er letztlich geblieben ist? Wie überlebt man die Gewissheit, dass dieses Kind vielleicht nie mehr in die Arme der Mutter zurückkommt?
Neunundvierzig Jahre. Die Mutter ist längst verstorben, sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, ihren Jan noch einmal sehen zu dürfen. Es war vergeblich. Die beiden Schwestern haben ihn längst vergessen, erinnern sich nur noch dunklel an den großen Bruder. Die Zeit ist über die Familie hinweggegangen.

***

Iwan Melnikow steht vor der Tür des Rathauses. Seine Einbürgerungsurkunde hält er in den Händen, versucht die Worte zu entziffern, die ihm eine Heimat in einem Land versprechen, das er seit seiner Kindheit niemals mehr gesehen hat. Die wenigen Deutschkenntnisse reichen beileibe nicht aus, alles zu entziffern. Er spricht zwar gebrochen Deutsch, mit stark russischem Akzent, aber zum Lesen bedarf es noch gewaltiger Anstrengung.
Eine fremde Heimat, seine Heimat. Als er seinen Ausreiseantrag in Kasachstan stellte, hatte er noch Träume. Träume von seiner alten Familie, von der er getrennt wurde, seinen Schwestern, seiner Mutter.Human2_029

 Träume von einem Land, das er einst seine Heimat nannte, wunderschöne Landschaften, die in seiner Seele verankert waren. Diese Bilder hat er sich in den Jahren immer wieder vor Augen geführt und seine Sehnsucht hatte ihn dann dazu gebracht, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Nun hält er seinen Personalausweis in der Hand. Er heisst nun Jan Müller!
So hieß er ja auch, als er im Alter von dreizehn Jahren nach Kasachstan kam. Dann wurde aus ihm der Melnikow und aus Jan wurde Iwan. Deutschland hat ihn nun wieder. Ist er nun glücklich?
Oftmals hat er darüber nachgedacht. Was ist schon Glück? 
Seine Frau, eine liebenswerte Kasachin, starb vor drei Jahren an einem Schlaganfall, erst danach hat er die Ausreise beantragt. Glücklich hier in Deutschland? Wenn er lang genug darüber sinniert, kann er eigentlich nichts dazu sagen. Deutschland ist ein kaltes Land, es hat keine Seele mehr, meint er. Die Menschen hier sehen hauptsächlich nur sich selbst, das Geld und den Luxus, den jeder glaubt, beanspruchen zu müssen.
Die Menschlichkeit ist oftmals auf der Strecke geblieben, wenn er, wie oftmals, von Jugendlichen angepöbelt und als »Russki« beschimpft wird, möchte er am liebsten wieder zurück in die Steppe Kasachstans. 
Dort war er Mensch. Hier ist er nur ein drittklassiger Aussiedler, ein »Russlanddeutscher!«.

»Meine Heimat ist Deutschland!« Das sagt er jedenfalls, wenn man ihn fragt. Was in seinem Herzen vorgeht, darüber schweigt er sich aus 

 

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Die Bank

Da steht sie nun. Ein Bild der Einsamkeit. Verlassen. Unbeachtet. Das Jahr ist über sie hinweg gegangen, mit Sturm und Regen, brennend heißer Sonne und eisiger Kälte. Aber sie hielt alles aus, widerstandsfähig bis zum heutigen Tag.
Wie war es noch im letzten Frühling? Als die Birken das erste Grün trugen, als der Wacholder die braunen alten Zweige abstieß, als der Eichelhäher hoch in den Bäumen lachte und die Lerche jubelnd in den Himmel stieg, da war diese Bank nicht leer. 
Siehst du dort den Jungen und das Mädchen sitzen? Sie fühlen den Frühling in ihrem Blut. Unbewusst starten sie den Kreislauf des Lebens wieder aufs Neue. Sie schwören sich ewige Liebe und Treue und wissen doch nicht, dass nichts in der Jugend brüchiger ist als die Treue. Und dass das Rot der Liebe sich sehr schnell zu einem Grau verfärbt, dass von den Schwüren im Frühling meist nicht mehr übrig bleibt als verdorrtes Gras im Sommer.

O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit.
O! dass sie ewig grünen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

    So sagt Schiller im «Lied von der Glocke».   Aber auch der Dichter wusste, dass es so einfach nicht ist. Sonst hätte er nicht bewusst das Wörtchen “ewig bliebe” benutzt.
Ja, und dann ging der Sommer über die Heide, der Herbst nahte. Die Erika blühte und die alte Bank stand inmitten einer wunderschönen violetten Pracht! Die Menschen, die kamen, erfreuten sich an diesen herrlichen Farben. So manch einer ruhte sich nach einer anstrengenden Wanderung hier auf der Bank aus und nahm auch etwas Nahrung für die Seele mit nach Hause.div_349

    Wirf jetzt doch einen Blick auf dieses alte Paar, das dort schon einige Zeit auf der Bank sitzt. Beide im weißen Haar, mit faltiger Haut und längst nicht mehr taufrischem Aussehen. Erfahrene Menschen, mit vielen Narben an Leib und Seele. Sie ahnen nicht mehr die Schönheit des Lebens, sie kennen sie! Sie verstehen die Geheimnisse der Gefühle und brauchen keine Liebesschwüre mehr, die den Jungen vorbehalten sind. Aber sie haben die Liebe begriffen, die Nähe, das Vertrauen.

    Und wenn sie nun dort sitzen und in den Sonnenuntergang schauen, dann ist ihnen klar, dass es immer einen Anfang gegeben hat und dass es auch ein Ende gibt!
 Siehst du sie dort sitzen, Hand in Hand, auf dieser einsamen Bank in Eis und Schnee? Siehst du diese liebevollen Blicke? Spürst du ebenfalls dieses Geheimnis, dann bist du auf der richtigen Spur des Lebens. Dann weißt du, dass Gott alles in den Händen hat: den Frühling des Lebens und den Sommer und den Herbst. Und den Winter ebenfalls. Und mich. Und dich, nicht nur im Frühling ...
 Und zum Schluss noch einmal ein Zitat aus der «Glocke»:

Dem Schicksal leihe sie die Zunge,
Selbst herzlos, ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr erschallt,
So lehre sie, dass nichts bestehet,
Dass alles Irdische verhallt.
 

 

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Furcht vor dem Tod?

Weißt du, was der Tod ist? Natürlich weisst du es.
Sieh doch mal, dieser Baum dort. Er hat das ganze Jahr gelebt. Seine Zweige haben im Wind getanzt. Haben das Sonnenlicht aufgesogen, das seine Blätter färbten, das ihm sein Dasein erst möglich machten..
Er wurde vom Regen reingewaschen vom Staub der Tage. Hat den Winter mit seinem eisigen Wesen überstanden. Und irgendwann, irgendwann im Laufe seines langen Lebens wird er verdorren, werden seine Äste brechen, dem Wind nicht mehr standhalten. Vielleicht wird ihn auch eine Krankheit befallen, von der noch niemand etwas ahnt. 
Dann wird er sterben.
Die Vögel, die diesen Baum bewohnen, Nester bauen und Junge aufziehen – wunderschöne Anblicke. Doch auch sie schwinden dahin und sterben.

    Die Natur weiß, was der Tod ist. Auch wir Menschen wissen es.
Warum also fürchten wir uns vor ihm?
Weil wir leben wie der Baum, wie die Vögel, eines Tages werden wir auch dahingehen, weil wir verdorren, weil uns eine Krankheit trifft oder etwas anderes. 
Wir sagen: »Ich will leben. Ich will genießen. Ich will, dass dieses Etwas, das wir Leben nennen, in mir weitergeht!«

     Die Angst vor dem Tod ist also die Angst, an ein Ende zu gelangen, nicht wahr? Den Sonnenschein genießen, den Duft der Blumen wieder in sich aufnehmen, Freunde treffen, Bücher lesen, die Kinder aufwachsen sehen – all das geht einmal zu Ende! 
Also haben wir Angst vor dem Tod. Da wir aber Angst vor ihm haben, wissen wir, dass der Tod unabwendbar ist. Deshalb überlegen wir, wie wir jenseits des Todes gelangen können, deshalb haben wir verschiedene Theorien!
Doch, wenn wir es verstehen, wenn wir es lernen »zu beenden«, dann gibt es keine Angst mehr! Wenn wir verstehen, jeden Tag zu sterben, dann kann es keine Angst geben. 
Kannst du das begreifen? Wir verstehen nicht zu sterben, weil wir immer wieder ansammeln, ansammeln, ansammeln!
Wir denken immer nur in Begriffen des Morgen: 
»Ich bin dies, ich werde jenes sein.«
Wir sind nie fertig an einem Tag, wir leben nicht so, als ob wir nur noch einen Tag zu leben hätten! Wir leben immer im Morgen oder im Gestern.
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    Wenn dir jemand sagt, du würdest am Ende dieses heutigen Tages sterben, was würdest du tun? Würdest du diesen Tag nicht voll ausschöpfen, diesen Tag wirklich leben ohne große Pläne für die Zukunft, ihn genießen? Wir leben einfach nicht in der großen Vielfalt unseres Lebens - wir schätzen den Tag nicht genug ein, den wir verbringen. Wir denken stets an das, was morgen sein wird, sein könnte ...
Und so kommt es, dass wir nie richtig leben, anders gesagt, wir sterben tatsächlich immer im falschen Sinne.

    Wenn wir nun einen Tag leben und ihn beenden und einen anderen Tag beginnen, als sei er etwas Neues, etwas ganz Frisches in unserem Leben, dann kann es keine Angst vor dem Tod geben!
Jeden Tag in allen Dingen sterben zu lassen, in allen Dingen, die wir erworben haben, allem Wissen, allen Erinnerungen, allen Kämpfen, allen Freuden und auch allen Leiden, sie nicht mit hinübernehmen in den nächsten Tag --das ist Schönheit, das ist Leben, das ist Erfüllung!
Aus solch einem Ende wächst stets etwas Neues.

 

 

part-1

 

 

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