Novella 1

Vor Sonnenuntergang

Vor Sonnenuntergang erscheinen die Schatten am längsten. Sie verdecken den Blick in die Vergangenheit und trüben die Erinnerungen. Diese Schatten des Lebens verschleiern all das, was uns Menschen bedrückt.

    Vor Sonnenuntergang tauchen diese Schatten alles noch einmal in ein diffuses Licht, mit ihnen wandeln sich Gedanken vom Werden zum Sein, vom Kommen zum Gehen. Es gibt in dieser Stunde des Sundowns nicht mehr allzuviel Möglichkeiten der Veränderung.Coelin_34

    Vor Sonnenuntergang jedoch sind auch die Farben am kräftigsten, leuchten noch einmal in all ihrer Pracht, zeigen alle Faszetten des Lebens in einem Augenblick auf. Das Purpurrot der Liebe und der Leidenschaft, Orange als Optimismus und der Lebensfreude, das Violett als Symbol der Kreativität. Was kann schöner sein als die Farben eines Sonnenuntergangs? Man genießt nur und schaut, bis die Farben schließlich langsam aber unumkehrbar verlöschen. 

    Vor Sonnenuntergang hält man noch einmal Zwiesprache mit allem, was den Tag ausfüllte. Hat er all das gebracht, was man am Morgen von ihm erwartete? Hat man selber alles getan, um ihn auszufüllen? Ein Quäntchen Glück in den großen leeren Behälter des Tages, ein Quäntchen Liebe, ein Quäntchen Toleranz - war das genug für den ganzen Tag? Dann die bohrenden Fragen: Woher kam die eigene Schuld, die Schuld der Mitmenschen, die schicksalshaften Begegnungen. Woher kam das Leid, das dieser Tag auch mit sich gebracht hat? Hat man alles getan, um anderen Menschen Glück zu bringen? Ihnen Leid zu ersparen? 

    Sicher nicht. Aber keiner kann das nun mehr ändern. Der Tag, die Zeit, die Vergangenheit, das sind unumkehrbare Kontinuen. Man kann den Sonnenuntergang nicht aufhalten, und man will diesen Zeitpunkt, wenn der Horizont die Sonne in sich aufnimmt, auch nicht hemmen. 
Vor Sonnenuntergang schaue auch ich noch einmal auf mich selbst zurück. Habe ich vielleicht auch selber gelitten an diesem Tage, bin ich nicht auch an der Hartherzigkeit der Umwelt zerbrochen? Haben mich die Pharisäer nicht auch in die Knie gezwungen? 

     Am frühen Morgen dieses meines Tages wurde in einer beispiellosen Zeit der Grundstock gelegt zur Unmenschlichkeit, zwischen Tod und Hunger, Elend und Grauen, Bomben und Schiffsuntergang kam letztlich doch das humane Denken zum Vorschein, mit der Muttermilch aufgesogen, den Vater als Vorbild, der doch nichts tun konnte als vor meinen kindlichen Augen zu sterben. 
Dieser frühe Morgen meines Tages, meines Lebenstages, konnte mir nichts mitgeben. Da war kein Ranzen voller Zuversicht, kein Beutel voller Hoffnung. Da war nichts als das bißchen Geist in einem kleinen Kopf, der vorher schon indoktriniert war von nationalsozialistischem Gedankengut. Dieser Kopf, der es dann doch fertigbrachte, diese verbrecherischen Inhalte zu absorbieren! HLt - 2

    Vor Sonnenuntergang halte ich Abrechnung mit meinem eigenen ICH. Addiere und subtrahiere all das, was für oder gegen mich spricht. Und obwohl ich das selber nicht beurteilen kann, fühle ich mich dennoch frei! Was ich in der Mitte meines Tages tun konnte, habe ich getan. Habe mein Leben weitergegeben an meine Kinder. Diese werden sicher alles anders machen, als ich es je machen konnte. Ob es besser sein wird, wird deren Sonnenuntergang einst beleuchten. 

    Sonnenuntergang? Ja, mein Tag ist fast vorüber, ob er gut war oder negativ - das wird erst der nächste Morgen zeigen, der Morgen mit dem nächsten Sonnenaufgang. Und der, der bringt die Freiheit des Seins!

part-A

 

Ein schöner Tag

Ein schöner Sommertag. Ist es hier im Park nicht herrlich? Die Sonne lacht, es ist nicht zu warm, nicht zu kalt. Toll! Man bekommt so richtig Lust, der Natur zu folgen und die verschwiegenen Pfade des Parks entlang zu wandern. Dort die alte Bank lädt mich zu einer Rast ein. 

 Da, wenn du das hören könntest, eine Amsel singt ihre wunderbare Melodie, auch wenn es vielleicht immer gleich klingt, es erscheint trotz allem jedes Mal anders. Und dort in dem uralten Baum das Eichhörnchen. Das Tierchen im rot-bunten Fell huscht zwischen den Zweigen der hohen Buche herum. Immer auf der Seite, die mir abgewandt ist. Wer gibt ihr das wohl ein?Vögel_002
Dann auf dem Rasen die schwarze Dohle, ihr grauer Schopf leuchtet hell vor ihrem schwarzen Federkleid! Nun schaut sie zu mir herüber, was mag sie denken? Denkt sie überhaupt? Jetzt wirft sie mit dem Schnabel einen Stein auf den Gehweg.

  So etwas sah ich noch nie. Konrad Lorenz würde sagen, das ist eine "Übersprunghandlung"! Schade, dass ich mich mit dem Vogel nicht unterhalten kann. Das müsste spannend sein. Ich würde mich gern mit ihm über die Menschen unterhalten. Ob die Dohle negativ über mich denkt? Warum interessiert mich das eigentlich, was ein schwarzer Vogel über mich denken würde? Hah - ich glaube ich spinne. Ja, aber trotzdem, was denkt er wohl über mich? Ob er weiß, dass ich ihn mag? Nein, sicher nicht, woher auch. 

 Es sind kaum zehn Schritte, die mich von ihm trennen. Jetzt bloß keine hastigen Bewegungen machen, ich möchte gern, dass er näherkommt.
Tatsächlich, der Schwarze ist nur noch ein paar Meter von mir entfernt. Er schreitet - ganz recht - er schreitet auf der Rasenkante des Weges entlang auf mich zu. Die hellen Äuglein beobachten mich aufmerksam.

  Da liegt ein kleiner Zweig auf dem Weg. Der Vogel hüpft von der Steinkante herunter, geht um den Zweig herum, fasst ihn mit dem Schnabel am dünnen Ende und zieht ihn vom Weg herunter auf den Rasen! Parkreinigung auf Vogelweltart, man glaubt es nicht, wenn man es nicht gesehen hat. Der Vogel auf dem Rasen sucht irgendwas zwischen den Grashalmen, wirft dabei den Kopf in die Höhe, zupft dann etliche längere Grashalme aus dem Rasen.animal_012_k

  Plötzlich kribbelt es in meiner Nase. Ein starker Niesreiz quält mich, ich versuche, ihn zu unterdrücken, vergeblich! Ohne Vorwarnung für die Dohle entlädt sich eine gewaltige Eruption. Erschrocken und mit voller Lautstärke schimpfend flattert der Vogel davon. Zwischen den Bäumen heraus höre ich ihn noch weiter motzen. Ich kann ihn gut verstehen. Jetzt ist sein Urteil über mich wohl nicht mehr so positiv, wie ich vorher annahm. Na gut. War halt höhere Gewalt.

   Plötzlich ist auch das Eichhörnchen wieder da, emsig und nur in ganz kurzen Abständen einhaltend, jagt es über den Rasen zum nächsten Baum. Warum lässt man es nicht für Deutschland bei den Olympischen Spielen starten? Da wäre man bestimmt sicher, dass es nicht unter Dopingverdacht gerät ...
 Bevor ich nun ganz anfange zu spinnen, werde ich noch ein paar Kilometer wandern. 
Auf Wiedersehen, ihr fröhlichen Parkbewohner!

 

part-1

 

Hallo du da! Du Baum! !baum_099

Wenn ich so vor dir stehe, dann glaube ich, dass du auf mich gewartet hast!
Warum?  Nun, ich spüre deine Natürlichkeit, du bist besonnen, du lässt alle Schwierigkeiten einfach hinter dir, kämpfst nicht verzweifelt gegen etwas an, dass du doch nicht ändern kannst und sparst deine Kräfte für die Zeit danach.

 Anscheinend kann dich nichts erschüttern. Wie machst du das nur? Lässt alles einfach abprallen, du trotzt allem, was dich bedrängt. Ich wollte, ich würde auch solch eine stoische Ruhe besitzen. Ich komme gern zu dir. Ich bilde es mir jedenfalls ein, dass du mich auch magst. Ich kann mich einfach zu dir setzen, ohne dass du fragst, woran ich denke! Und du stellst keine Forderungen an mich. du versuchst auch nicht, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben.
Du erdrückst mich nicht mit deinen Wünschen, nimmst mir nicht den Atem zum Leben.baum_006_1

 Weißt du, bei dir kann ich so sein, wie ich wirklich bin. Ich muss mich auch nicht verstellen, nicht etwas darstellen, das ich nicht bin, nicht sein kann! Und trotzdem darf ich zu dir kommen. Du bist direkt bei mir, ganz nahe; aber du lässt mir meine Freiheit, zu träumen, nachzudenken. Ich kann dir alle meine Sorgen beichten, du wirst sie nie weitererzählen. Da kann ich ganz sicher sein. Ich darf bei dir weinen, klagen, lachen. Oder auch ganz einfach glücklich sein. Wenn ich bei dir bin, wenn ich neben dir auf dem Rücken liege, kann ich stundenlang den Wolken nachschauen, so völlig losgelöst von allem Ärger, allem Stress.

 Und wenn es auch mal faustdick kommt, du bist da! Dann darf ich dich ganz einfach anfassen und in mir wird alles ganz ruhig. Ich fühle, dass ich auf eine Art mit dir verbunden bin, die ich nicht erklären kann. Und wenn sich dann dein uralter, rissiger Stamm fast unmerklich bewegt, höre ich im Rauschen deiner Blätter ein leises, aber
für mich vernehmbares Flüstern:
»Ich bin für dich da, Mensch, wann immer du mich brauchst!«

 

part-A

 

Verständnis?

Manches von dem, das ich früher tat, kann ich heute nicht mehr verstehen. Es ist aber auch möglich, dass ich nicht mehr weiss, wie ich seinerzeit dachte und warum ich so und nicht anders reagierte. Weil ich heute anders denke und auch fühle, ist mir all das fremd geworden, für das ich früher gekämpft habe. 
Ist das nun ein Widerspruch? Ich glaube nicht. Denn wenn ich auch nicht mehr die gleiche Empfindung habe, bin ich dennoch für mein damaliges Denken und Handeln verantwortlich. Stehe ich deshalb in meiner eigenen Schuld?

    Damals war es für mich richtig. Wenn Fehler gemacht wurden, war früher oder später die Vergeltung dafür im eigenen Lebensablauf spürbar. Ist es nun möglich, den gleichen Fehler zweimal zu machen? Ich sage: Nein! Wenn es das zweite Mal geschieht, ist es die eigene Wahl! Mit dieser zweiten Wahl allerdings gibt man dann jedoch selbst zu, nichts daraus gelernt zu haben.

   Nun gibt es aber auch Fehler im Leben, die von außen verursacht werden, die man nicht verhindern kann, auch wenn man sie erkannt hat. Solche Zwänge können ein Leben aus dem Gleichgewicht bringen, lassen es Wege einschlagen, die völlig an der Normalität vorübergehen.

    Wenn man dabei von »Höherer Gewalt« spricht, ist dies doch nur ein Bruchteil der Ursachen. Auch dieser Begriff zeigt die Unzulänglichkeit des Menschen, gewisse Schwierigkeiten einfach in den Griff zu bekommen.  Solche Probleme beeinflussen häufig das Erleben und Leben zweier Menschen, die als Paar zusammen sind. Paarbildung des Menschen hat ja zum überwiegenden Teil mit Liebe und Sexualität zu tun. Die Liebe spielt hierbei eine überragende Rolle, da sie die Triebkraft zum Zusammenleben zweier Menschen darstellt. Ohne die Liebe wären wir Menschen auf der Schwelle zum Menschsein stehen geblieben. Das Gefühl, zusammenzugehören allein würde nicht ausreichen, den Bestand der Menschheit zu gewähren.

     Ich liebe dich! Welch eine Gewalt steckt darin, welch ein Gefühl erschließt sich bei diesen Worten, tausendfach bedichtet und besungen und immer wieder neu erfunden. Da kommen wir unausbleiblich zu der Frage: Was ist wichtiger, lieben oder geliebt zu werden? Meine Antwort darauf: Was ist wichtiger für einen Vogel, der rechte oder der linke Flügel? Beides gehört zusammen wie der Himmel zur Erde, wie Feuer und Wasser, wie Leben und Tod! Wie ICH und DU.

Vor Kurzem las ich diese Sätze eines französischen Poeten:
»Manchmal sehe ich dich und ich sehe nichts! Ein anderes Mal sehe ich in mich selbst hinein und was sehe ich? Dich.«
Gibt es etwas Bedeutsameres als diese Aussage? Da dürfen dann auch ruhig Fehler auftreten, wenn ein Paar zusammenhält, wird ein jeder dieser Fehler aus dem Weg geräumt werden können, solange er nicht an die Wurzeln des Zusammenlebens heranreicht. Liebe kann im Grunde niemand verletzen, denn jeder von uns ist selbst verantwortlich für das, was er fühlt und was er tut. Human1_055

 Wie könnte ich einem Anderen die Schuld geben, wenn meine Partnerschaft nicht gelingt? Da ist schnell ein Schuldspruch zur Hand, nicht wahr? Wie oft hörte ich die Aussprüche: »... dann ist er in meine Ehe eingebrochen.« Oder auch: »... ich habe ihn an sie verloren.«
Ich bin überzeugt, dass niemals jemand einen Anderen verlieren kann, weil niemals jemand einen Anderen besitzt!

  Früher als ich jung war, glaubte ich, dass ich durch mein Tun mein ganzes Leben verändern könne. Alle Dinge hatten ihren Sinn dadurch, dass ich ihnen den Sinn gab. Das machte mir Mut, das gab mir Kraft, um alle Schwierigkeiten zu bewältigen. So konnte ich stets den Kopf hochtragen, konnte immer frei atmen. Alles in meinem Leben war nach meiner Ansicht in Ordnung. Heute nach vielen Jahrzehnten habe ich in meinem Herzen die Gewissheit, dass dieses Denken falsch war.
Ich kann mein Leben nicht verändern; ich kann ihm wohl eine neue Richtung geben, gewiss. Nur die Zeit ganz allein kann mein Leben verändern!

    Und weißt du was, liebe Leserin, lieber Leser? Ich liebe diesen Gedanken. Weil er mir die Schuld nimmt an Abläufen, die ich vielleicht hätte beeinflussen können. Gut, dass ich nicht weiss, was durch mein Zögern oder durch unüberlegtes Handeln alles geschehen ist! Ich verstehe heute manches nicht mehr, was ich früher tat, das sagte ich im Eingang schon. Gutes und Schlechtes, Erfolge und Fehler halten sich eben im Menschenleben stets die Waage. Und nebenbei habe ich auch gelernt: Man liebt nicht nur einmal!
Aber ich weiss mit Gewissheit: Die wahre Erfahrung meiner Freiheit ist: 
Lieben heißt auch, etwas zu haben, ohne es zu besitzen!

 

part-A

 

Zeitlos

 

»Oh«, sagte sie. »Jetzt wollte ich noch so viel erzählen. Und auch von dir so vieles wissen! Aber es ist schon zehn Uhr und ich habe keine Zeit mehr. Vielleicht sehen wir uns ja mal bald wieder!«
Bei diesen Worten schaute sie schon auf ihre Armbanduhr, hektische rote Flecken im Gesicht bewiesen, das sie tatsächlich keine Zeit hatte. Nach einigen kurzen Abschiedsworten eilte sie dann zu ihrem geparkten Wagen und ich verlor sie schnell aus meinem Blickfeld.

 Schade, hatte ich sie doch seit dem letzten Klassentreffen vor einer Reihe von Jahren nicht mehr gesehen und war darum sehr erfreut, sie so zufällig wiederzufinden.

 Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, diese Begegnung mit dieser Frau, einer ehemaligen Freundin, die  einst meine große »Flamme« war, ging mir nicht aus dem Kopf. Was muss geschehen sein, wenn die Uhr das Leben bestimmt, wenn die Hetze des Alltags alles so überlagert, dass für alles andere kein Blick mehr übrig ist? Wenn die Zeiger einer Uhr das Leben in viele winzige Segmente zerteilen und alles eingeplant ist bis auf die Minute?

 Gewiss, wir Menschen der Gegenwart kommen ohne Zeiteinteilung nicht mehr aus. Es wäre töricht, dies anzuzweifeln. Fahrpläne, Terminkalender, Stundenpläne, Öffnungszeiten usw. – alles hätte keine Existenzberechtigung mehr, es gäbe nichts Verlässliches mehr auf unserer Welt. Wahrscheinlich würde alles in einem gewaltigen Chaos ersticken.

 Das ist nun mal eine unumstössliche Wirklichkeit und niemand kann dies bezweifeln. Nein, darum geht es doch auch nicht! Es geht hier nur um die Tatsache, dass wir alle uns nur noch von der Uhr und dem Kalender bestimmen lassen, dass diese nicht mehr für uns da sind, sondern wir für sie

 Wir planen weit in die Zukunft hinein, kaufen unser Leben auf Raten und wissen gar nicht, ob wir für all das, was wir hiermit geschenkt bekommen haben, nicht auch eine Verpflichtung eingegangen sind.div_402 Irgendwann, zum Glück wissen wir nicht, wann, kommt dann die Zeitabrechnung, alle Uhren werden angehalten und unser Terminkalender einfach durchgestrichen.

Wie der Mittwoch kommt,
der Donnerstag kommt,
der Freitag kommt,
kommt auch der Tag,
dessen Datum 
du nicht liest in der Zeitung,
dessen Kalenderblatt 
ein anderer abreisst.
  (-Rudolf Otto Wiemer- )

 

 Ich habe keine Zeit. Ein so oft gehörtes Wort, viele tausend Mal in einem Leben gesagt und meist entsprach es ja auch der Wahrheit. Und doch ist dies ein Satz, der so unmenschlich ist, dass einem davor grauen müsste.

 Ich habe keine Zeit! Vielleicht, weil ich sie vertrieben habe? Nur so, zum “Zeitvertreib"? Ich habe mir die Zeit vertrieben, dann tat sie mir auch den Gefallen. Und nun? Wenn ich jetzt keine Zeit habe, mir keine Zeit nehme, wann dann?

Ich sitze am Strassenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?
   ( -Bertold Brecht-)        

 

 

part-1

Am Pranger

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Montagnachmittag, die große Glocke hat gerade zweimal angeschlagen. Kein Windhauch regt sich, die Augustsonne brennt unbarmherzig in die Mauernische der Kirche hinein. Nichts stört das Schweigen, kein Vogel singt, der Friedhof an der Kirche liegt in tiefem Schweigen.

 Was aber ist das? Ein tiefes Stöhnen klingt durch die Mittagsglut. »Wasser!« Leise Worte aus ausgedörrter, rauer Kehle dringen vom Südportal der Kirche her. »Bitte Wasser, bitte!«

Spröde aufgesprungene Lippen schaffen es kaum, Worte zu formulieren. Auf dem kreisrunden Granitblock neben dem Kirchenportal sitzt eine junge Frau. Um ihren Hals ein Eisenring mit einem schweren Schloss. Von einer Krampe in der Wand nebenan führt eine eiserne Kette zu diesem Halsring. Die Kleidung der jungen Frau ist ärmlich, ein grob gewirkter grauer Rock, eine ebensolche Bluse, die vielfach geflickt und gestopft ist. An den Füßen grobe Wollstrümpfe und Holzpantinen. Seit Sonnenaufgang sitzt sie nun schon auf diesem Steinblock, es ist noch weit bis zum Sonnenuntergang! Was war ihr Verbrechen, dass sie zu solch einer Strafe verurteilt wurde? Wir kennen die Anklage nicht.

 Aus historischen Quellen jedoch ist bekannt, dass ledige Frauen und Mädchen, die ein Kind geboren hatten, zu dieser Kirchenstrafe verurteilt wurden! Die Kinder, Bastarde, wie man sie nannte, wurden in Waisenhäusern untergebracht.
Und die Väter der Kinder? Es ist nicht bekannt, dass auch nur ein Einziger von ihnen jemals bestraft wurde!

 Grausames Schicksal von Frauen, die oft nichts anderes wollten, als Zuneigung und ein wenig Liebe, vielleicht auch etwas Hilfe zum Überleben? Dann jedoch wurden sie als große Sünderinnen abgestempelt. Welch eine Welt, voller kirchlicher und religiöser Vorurteile, voller Ressentiments gegenüber all jenen, die nicht in das Schema passten

 Stunden später sitzt die junge Frau immer noch auf diesem Pranger. Durch Sonnenbrand und Schweiß hat das Halseisen ihren Hals vollkommen aufgeraut, jede Bewegung des Kopfes schmerzt unsäglich. Unerträglicher Durst hat schließlich dazu geführt, dass sie fast bewusstlos auf dem Prangerstein zusammengesunken ist, nur die jetzt straff gespannte Kette verhindert ein Umfallen des Körpers.

 Zwei Friedhofsbesucherinnen mittleren Alters gehen gegen Abend am Kirchenportal vorbei. 
»Na Gesa? Hast endlich genug von‘ne Hurerei?« Boshafte Worte fliegen zu der Sünderin:
»Mein'n Mann lässt du jetzt sicher in Ruh, nich?«

 »Wasser!« flüstert die Frau auf dem Stein mit rauer Stimme, »bitte, bitte Wasser!«

»Nu hol dir doch wat, da is doch der Brunn!«
lästert die eine Frau und spuckt dem Menschenkind am Pranger ins Gesicht. Höhnisch kichernd und gackernd entfernen sich die beiden. Bald geht die Sonne unter. Dann wird der Büttel die junge Frau von ihren Qualen erlösen. Aber das seelische Leid wird erst richtig anfangen! Ganz gewiss.

< > < > < >

 Wie bin ich doch froh, dass es seit Mitte des 19. Jahrhunderts keinen Pranger mehr gibt, niemand muss sich noch öffentlich demütigen lassen, ob nun schuldig geworden oder nicht, ob Delinquent oder Familienangehöriger. Keiner wird heute mehr an den Pranger gestellt, wir leben alle in einem Rechtsstaat!

Oder?  Kann es sein, dass die Pranger von heute die sogenannten 'sozialen' Netzwerke sind? Darüber sollte man vielleicht einmal nachdenken!

 

part-1

 

Ein Randerlebnis

 Ich war diesen Weg noch nicht so oft zu Fuß gegangen, heute musste es mal sein. Dieser Weg zum kleinen Bahnhof außerhalb des Ortes war schon beschwerlich, zumal es an diesem ungemütlichen Tag besser gewesen wäre, daheim in den warmen vier Wänden zu bleiben. Die Bäume der Pappelallee hielten mit ihren kahlen Zweigen noch ihren Winterschlaf, gewiss träumten sie von den wärmenden Tagen des kommenden Frühlings. Nebel stieg aus den Niederungen auf und wickelte die Felder und Wiesen in ein graues Tuch mit filigranen Fransen ein. Die kalte Luft schlich leise durch die hohen trockenen Gräser.

 Es war still. Eine vollkommene Ruhe hatte sich über das Land gelegt. Die Vögel des Sommers waren noch nicht eingetroffen, sie würden aber bald die Weiten der Landschaft beleben. Es war schon eine Aufbruchsstimmung, die in der Luft lag. Die Leichtigkeit des Frühlings ahnte man bereits. man_3

 Einen Steinwurf vor mir ging ein alter Mann den gleichen Weg wie ich. Seine Schritte waren langsam und schwerfällig. Die linke Hand steckte tief in seiner Jackentasche. Die rechte schlenkerte herum, griff ab und zu ins Leere oder gestikulierte. Es hatte den Anschein, als diskutiere er mit einer unsichtbaren Person. Immer dann nämlich, wenn seine Hand nach rechts griff, wendete er ebenfalls seinen Kopf in die gleiche Richtung. Dann wirkten auch seine Schritte irgendwie beschwingter, leichter.

 Eine geraume Zeit ging ich bereits hinter diesem Mann her. Meine Schritte passte ich dabei seinem Tempo an, nicht lange darauf waren wir auch schon an dem kleinen Bahnhof angelangt. Einige Personen warteten bereits auf den Triebwagen, der in Kürze eintreffen musste.

 Dieser Bahnhof hatte auch schon bessere Zeiten gesehen. Früher war er ein beliebter Treffpunkt der Menschen des kleinen Ortes. Hier hielten zeitweise sogar Schnellzüge, die die Fahrgäste in die Großstadt beförderten. Heute wirkte er mit seiner morbiden Gründerzeitfassade nicht nur verfallen, er war es auch. Der Putz hatte sich an vielen Stellen von der Wand gelöst und lag in hässlichen kleinen Häufchen an den Rändern des Gebäudes. Es war, als hätte sich das Leben hier endgültig von der Zeit verabschiedet.
Schon seit langer Zeit benutzte diesen Bahnhof nur noch die Regionalbahn als Haltepunkt.

 Über der Betrachtung des Bahnsteigs war ich unbeabsichtigt an dem alten Mann vorübergegangen und stand nun einige Meter neben ihm. Sein ganzes Leben konnte man ihm vom Gesicht ablesen. Sein Blick erschien trüb, dunkle Ringe umrahmten die Augen. Wie eingekerbt zogen sich tiefe Falten durch sein Gesicht. Beim Näherkommen wirkten seine Augen weniger müde. Es erschien mir geradezu spitzbübisch, wenn er zur Seite schaute und immer wieder nach rechts blickte. Leise und beschwichtigend flüsterte er auf eine imaginäre Person nein.

 Als er mich wahrnahm, fühlte er sich wohl ertappt, nickte mir freundlich zu und sagte leise mit einem Lächeln in den Augen: »Wissen Sie, sie fährt gleich zu ihrer Mutter!« 
Auf meinen erstaunten Blick hin bemerkte er dann noch: »Wir waren doch seit 60 Jahren noch nie getrennt. Sie ist da etwas unbeholfen. Aber ich bin ja da!« 

 Dabei zwinkerte er mir lächelnd zu, ich konnte darauf nur innerlich erschrocken nicken. Dann schaute er mit beruhigendem Blick ins Leere neben sich. Dabei streichelte seine rechte Hand zärtlich in die Luft. Wir standen ein paar Armlängen voneinander entfernt. Ich konnte ihn zwar flüstern hören, seine Worte aber nicht verstehen.

 Der graue Nebel schwebte wie ein Schleiervorhang über Bahnhof und Gleise, verschluckte die Geräusche fast bis zur Unkenntlichkeit. Ich gehe sogar so weit zu sagen, er legte sich auch auf mein Gemüt. Ich wurde sehr nachdenklich beim Anblick des alten Mannes.

 Der kurze grüne Regionalzug schlich endlich aus dem Nebelvorhang heraus. Ich stieg ein, sah den Alten noch auf dem Bahnsteig stehen und in ein Abteilfenster hineinschauen. Sein Gesicht in dem dämmerigen Licht schien erschreckend grau. An seinen Wangen liefen Tränen herunter. Dann hob er langsam seinen rechten Arm und begann zu winken. Sein Blick schaute dabei ins Leere - in die Unendlichkeit.

 Auf dem Sitz vor mir saßen zwei  junge Mitreisende, die ebenfalls gerade eingestiegen waren. Ich bemerkte, wie sie amüsiert ihre Köpfe schüttelten: »Nu guck doch mal, der verrückte Alte! Der steht jeden Sonnabend um diese Zeit da und winkt. Dabei ist seine Frau doch schon zwei Jahre unter der Erde!«

Der Triebwagen fuhr wieder an, ich sah den Alten noch winkend auf dem Bahnsteig stehen. Ich schämte mich heimlich für die Worte, die ich gehört hatte: Der verrückte Alte!

 

part-1

 

 

Schwanengesang

 

Tief aus den Sümpfen schwebt der Schwan herein zu seinem Schlafplatz. Sanft gelandet beginnt er zu singen, seine Stimme klingt rein und klar, die Partnerin auf dem Nest begrüßt ihn ebenfalls mit einem Gesang. Der Gesang der beiden Schwäne erweitert das Herz, bringt die Seele zum Schwingen.

 Die Sonnenschleife zieht ihre tiefe Bahn am Himmel, wie ein gewaltiger Kupferkessel erfüllt das Firmament mit seinem Bronzeton den Horizont. Die farbige Dunkelheit voller Schatten erfüllt die Weite der Landschaft. Hohe Berge des ewigen Frostes lehnen sich gegen die Eisplatten des Ozeans.

 Die Schwäne singen, ihre Metallstimmen klingt wie Harfentöne, streicheln hier den Ton und lassen dort ein Tremolo leise in die Mitternacht hinausklingen. Der Himmel lässt die erhabene Dunkelheit verblassen, färbt sich langsam, ein grünes Leuchten zieht von Stern zu Stern, die Nordlichter glasieren die Berggipfel, irisierende Bögen vereinen sich in der blauen Nacht zu einer feuriggrünen Aurora.

 Und die Schwäne singen weiter ihr gemeinsames Liebeslied. Das Glühen des Himmels schickt seine Strahlen weit in die blaue Dunkelheit, pulsiert, senkt sich und steigt wieder auf, explodiert in völliger Stille zu einer Eruption des Lichtes.

 Mit einem Finale wie das Geläut der Angelus-Glocke erheben sich die beiden Schwäne, spreizen ihre Flügel, schütteln sie. Schließlich öffnen sie die schneeweißen Schwingen weit, heben sich dann mit einem hellen Ton rufend hinaus in die Weite der borealen Landschaft. Sie gleiten mit sanften Flügelschlägen hinein die unendliche Finsternis des künftigen Jahres.Vögel_060

 Irgendwann später kehren sie zurück, gründen neue Generationen. Die singen dann eigene Liebeslieder und im Schein des erhabenen Nordlichts erzählen sie von den wechselnden Wundern der Natur.

 Aber tief in den Sümpfen der sibirischen Taiga hört niemand das letzte Danklied des Schwanenpaares, allein nur der Schöpfer spricht dazu sein Amen.
 

 

part-1

 

Pan

Flirrende Hitze in des Tages Mitte,
regungslos alle Geschöpfe 
im Schatten von kargen Bäumen, 
warten auf die erträgliche Kühle des Abends
Alle Gedanken schweben 
silbernen Träumen gleich
hinauf in die blauen Berge des Parnons.

Wartest du immer noch dort
an der flüsternden Quelle auf Syrinx,
um dich im Garten des Hermes
mit ihr zu vermählen?
Vergebliches Hoffen, du weisst es,
dort unten zum Flusse hin floh sie
vor dir und deiner Begierde.

Furchtsam die scheue Nymphe,
erkannte sie bald, dieser Fluss 
war nicht überwindbar und so 
verwandelte sie sich 
in schwankendes Schilfrohr
nicht ahnend, dass längst du
ihre neue Gestalt schon entdeckt!

Ohne Bedenken, Pan, wagtest du
einfach, dies Rohr nun zu schneiden,
schnitztest daraus ein stimmvolles
und dennoch zartes Gebilde,
dessen herrlicher Klang voll 
unbeschreiblicher Sehnsucht
durch die blauen Haine erklingt.

Wenn nun heute am Abend 
die liebliche Stimme der Syrinx erklingt,
erinnert dies an die Nymphe 
der silbrig hellen Quelle hoch in den 
peloponnesischen Bergen,
wo Pan einst sein Begehren 
und seine Liebe 
in einer siebenrohrigen Flöte vereint.

 

part-1 

 

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