Vor Sonnenuntergang
 

Vor Sonnenuntergang erscheinen die Schatten am längsten. Sie verdecken den Blick in die Vergangenheit und trüben die Erinnerungen. 
Diese Schatten des Lebens verschleiern all das, was uns Menschen bedrückt.

 Vor Sonnenuntergang tauchen diese Schatten alles noch einmal in ein diffuses Licht, mit ihnen wandeln sich Gedanken vom Werden zum Sein, vom Kommen zum Gehen. Es gibt in dieser Stunde des Sundowns nicht mehr allzuviel Möglichkeiten der Veränderung. Vor Sonnenuntergang jedoch sind auch die Farben am kräftigsten, leuchten noch einmal in all ihrer Pracht, zeigen alle Facetten des Lebens in einem Augenblick auf.  Das Purpurrot der Liebe und der Leidenschaft, Orange als Optimismus und der Lebensfreude, das Violett als Symbol der Kreativität. Was kann schöner sein als die Farben eines Sonnenuntergangs? Man genießt nur und schaut, bis die Farben schließlich langsam aber unumkehrbar verlöschen.hgrd_20

 Vor Sonnenuntergang hält man noch einmal Zwiesprache mit allem, was den Tag ausfüllte. Hat er all das gebracht, was man am Morgen von ihm erwartete? Hat man selber alles getan, um ihn auszufüllen? Ein Quäntchen Glück in den großen leeren Behälter des Tages, ein Quäntchen Liebe, ein Quäntchen Toleranz - war das genug für den ganzen Tag? Dann die bohrenden Fragen: Woher kam die eigene Schuld, die Schuld der Mitmenschen, die schicksalshaften Begegnungen. Woher kam das Leid, das dieser Tag auch mit sich gebracht hat? Hat man alles getan, um anderen Menschen Glück zu bringen? Ihnen Leid zu ersparen?

 Sicher nicht. Aber keiner kann das nun mehr ändern. Der Tag, die Zeit, die Vergangenheit, das sind unumkehrbare Kontinuen. Man kann den Sonnenuntergang nicht aufhalten, und man will diesen Zeitpunkt, wenn der Horizont die Sonne in sich aufnimmt, auch nicht hemmen. 
 Vor Sonnenuntergang schaue auch ich noch einmal auf mich selbst zurück. Habe ich vielleicht auch selber gelitten an diesem Tage, bin ich nicht auch an der Hartherzigkeit der Umwelt zerbrochen? Haben mich die Pharisäer nicht auch in die Knie gezwungen? Am frühen Morgen dieses meines Tages wurde in einer beispiellosen Zeit der Grundstock gelegt zur Unmenschlichkeit, zwischen Tod und Hunger, Elend und Grauen, Bomben und Schiffsuntergang kam letztlich doch das humane Denken zum Vorschein, mit der Muttermilch aufgesogen, den Vater als Vorbild, der doch nichts tun konnte als vor meinen kindlichen Augen zu sterben. 

 Dieser frühe Morgen meines Tages, meines Lebenstages, konnte mir nichts mitgeben. Da war kein Ranzen voller Zuversicht, kein Beutel voller Hoffnung. Da war nichts als das bißchen Geist in einem kleinen Kopf, der vorher schon indoktriniert war von nationalsozialistischem Gedankengut. Dieser Kopf, der es dann doch fertigbrachte, diese verbrecherischen Inhalte zu absorbieren! 
 Vor Sonnenuntergang halte ich Abrechnung mit meinem eigenen ICH. Addiere und subtrahiere all das, was für oder gegen mich spricht. Und obwohl ich das selber nicht beurteilen kann, fühle ich mich dennoch frei! Was ich in der Mitte meines Tages tun konnte, habe ich getan. Habe mein Leben weitergegeben an meine Kinder. Diese werden sicher alles anders machen, als ich es je machen konnte. Ob es besser sein wird, wird deren Sonnenuntergang einst beleuchten. 

Sonnenuntergang? Ja, mein Tag ist fast vorüber, ob er gut war oder negativ - das wird erst der nächste Morgen zeigen, der Morgen mit dem nächsten Sonnenaufgang. Und der, der bringt die Freiheit des Seins!

 

 

 

Natur versus Wir


Früher Morgen. leichte Nebel haben sich schleiergleich über die Felder, Wiesen, Wälder und Seen gelegt. im Laufe des Morgens werden sie wie Wölkchen ins Blau entschweben. Zurück bleibt der Tau, der die Blüten tränkt, so rein und klar wie Kinderaugen. Das ist Natur, die uns alles schenkt, wir Menschen können dazu nur sagen: Wunderbar!
       Der Himmel färbt sich leicht in Pink, wir sehen Wattewölkchen gleiten, wie Schiffchen ziehen sie am Firmament dahin, sie stört es nicht, ob auf Erden Krieg ist oder Frieden. Zu dieser Zeit erwacht auch der Wald, ein leichter Wind bewegt das Laub seiner Bäume, leise raschelt es im Unterholz, ein Rudel Rehe erscheint am Rand des Waldes, die alte Ricke hebt prüfend ihre Nase in den Wind, Vorsicht ist hier stets geboten, dann äst sie weiter, immer wieder sichernd.

     Der Wald schläft nie, ist immer wach, muss auf seine Bäume achten, Tag und Nacht kommen sie, um Baum für Baum zu schlachten. Teures Holz für billig Geld. Natürlich - kaufen und verkaufen, Geld aus allem machen, die Natur gibt ja alles gratis her. Die Nachkommen werden einmal an uns denken. Kaum jemand denkt daran, dass man die Natur schützen und versorgen muss, sie braucht viel Zeit, ein Baum zum Beispiel benötigt etwa siebzig Jahre, ehe er “schlachtreif” ist. Eine kostbare Zeit die bis dahin vergeht, in der er gehegt und gepflegt werden muss.hgrd_2

       Nicht nur die Wälder, Wiesen und Felder, brauchen die Sonne um glücklich zu sein, Auch wir Menschen benötigen die grüne Welt der Pflanzen und Bäume. Wir sollten wissen, wenn uns Blumen grüßen, wenn wir einen Baum in seiner ganzen Pracht vor uns sehen, freut sich das Herz und die Seele erhält ein Gefühl von unsagbarer Reinheit!

    Die Natur braucht uns gewiss nicht, aber wir brauchen sie, das weiss jeder. Wir Menschen werden grausam zu Grunde gehen, wenn wir nicht dem Raubbau an den natürlichen Dingen ein Ende gebieten! Es ist nicht mehr »fünf vor 12, es ist leider schon 12 vorüber!«

       Wann wird uns dies einmal klar werden? Wenn die Geldscheine nach Müll schmecken und das letzte Grün von den Straßen aufgesogen ist?

 

 

 

 

 

 

Ein Stimmungsbild

Am Morgen streift ein kühler Wind 
über Wald und Auen.
Wolkenbilder hängen wie Gemälde 
am lichtblauen Firmament.
Von fern her tönt wie Flötenklänge
einer Amsel fröhlicher Gesang.
Zwischen kahlen Zweigen
hängt der rote Sonnenball.

Zur Tagesmitte ruht der Wind
über grünbraunen Feldern aus. 
Eine Kette wilder Gänse
zieht mit hellem Schrei
übers Land dem Fluss entgegen.
Ein Sonnenstrahl 
bricht durch die Wolken.
Es riecht nach Regen.

Abend wird’s, die karminrote Sonne
sinkt hinter schwarzen Wäldern
in die Unendlichkeit der Nacht. 
Alle Blüten schließen ihre Augen.  
Stille breitet sich weit übers Land.
Die Sichel eines bleichen Mondes 
zieht nebelschleiergleich
durch alle Zweige.

 

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Ein schöner Tag

 
Ein schöner Sommertag. Ist es hier im Park nicht herrlich? Die Sonne lacht, es ist nicht zu warm, nicht zu kalt. Toll! Man bekommt so richtig Lust, der Natur zu folgen und die verschwiegenen Pfade des Parks entlang zu wandern. Dort die alte Bank lädt mich zu einer Rast ein.
  Da, wenn du das hören könntest, eine Amsel singt ihre wunderbare Melodie, auch wenn es vielleicht immer gleich klingt, es erscheint trotz allem jedes Mal anders. Und dort in dem uralten Baum das Eichhörnchen. Das Tierchen im rot-bunten Fell huscht zwischen den Zweigen der hohen Buche herum. Immer auf der Seite, die mir abgewandt ist. Wer gibt ihr das wohl ein?hgrd_4

       Dann auf dem Rasen die schwarze Dohle, ihr grauer Schopf leuchtet hell vor ihrem schwarzen Federkleid! Nun schaut sie zu mir herüber, was mag sie denken? Denkt sie überhaupt? Jetzt wirft sie mit dem Schnabel einen Stein auf den Gehweg. So etwas sah ich noch nie. Konrad Lorenz würde sagen, das ist eine "Übersprunghandlung"! Schade, dass ich mich mit dem Vogel nicht unterhalten kann. Das müsste spannend sein. Ich würde mich gern mit ihm über die Menschen unterhalten. Ob die Dohle negativ über mich denkt? Warum interessiert mich das eigentlich, was ein schwarzer Vogel über mich denken würde? Hah - ich glaube ich spinne. Ja, aber trotzdem, was denkt er wohl über mich? Ob er weiß, dass ich ihn mag? Nein, sicher nicht, woher auch. 
       Es sind kaum zehn Schritte, die mich von ihm trennen. Jetzt bloß keine hastigen Bewegungen machen, ich möchte gern, dass er näher kommt.
Tatsächlich, der Schwarze ist nur noch ein paar Meter von mir entfernt. Er schreitet - ganz recht - er schreitet auf der Rasenkante des Weges entlang auf mich zu. Die hellen Äuglein beobachten mich aufmerksam.
       Da liegt ein kleiner Zweig auf dem Weg. Der Vogel hüpft von der Steinkante herunter, geht um den Zweig herum, fasst ihn mit dem Schnabel am dünnen Ende und zieht ihn vom Weg herunter auf den Rasen! Parkreinigung auf Vogelweltart, man glaubt es nicht, wenn man es nicht gesehen hat. Der Vogel auf dem Rasen sucht irgendwas zwischen den Grashalmen, wirft dabei den Kopf in die Höhe, zupft dann etliche längere Grashalme aus dem Rasen.
       Plötzlich kribbelt es in meiner Nase. Ein starker Niesreiz quält mich, ich versuche, ihn zu unterdrücken, vergeblich! Ohne Vorwarnung für die Dohle entlädt sich eine gewaltige Eruption. Erschrocken und mit voller Lautstärke schimpfend flattert der Vogel davon. Zwischen den Bäumen heraus höre ich ihn noch weiter motzen. Ich kann ihn gut verstehen. Jetzt ist sein Urteil über mich wohl nicht mehr so positiv, wie ich vorher annahm. Na gut. War halt höhere Gewalt.

       Plötzlich ist auch das Eichhörnchen wieder da, emsig und nur in ganz kurzen Abständen einhaltend, jagt es über den Rasen zum nächsten Baum. Warum lässt man es nicht für Deutschland bei den Olympischen Spielen starten? Da wäre man bestimmt sicher, dass es nicht unter Dopingverdacht gerät ...
 Bevor ich nun noch ganz anfange, zu spinnen, werde ich noch ein paar Kilometer wandern. 
Auf Wiedersehen, ihr fröhlichen Parkbewohner!

 

 

 

 

Du bist da!

 

Hallo du da! Du Baum! Wenn ich so vor dir stehe, dann glaube ich, dass du auf mich gewartet hast!
Warum? Nun, ich spüre deine Natürlichkeit, du bist besonnen, du lässt alle Schwierigkeiten einfach hinter dir, kämpfst nicht verzweifelt gegen etwas an, dass du doch nicht ändern kannst und sparst deine Kräfte für die Zeit danach.

       Anscheinend kann dich nichts erschüttern. Wie machst du das nur? Lässt alles einfach abprallen, du trotzt allem, was dich bedrängt. Ich wollte, ich würde auch solch eine stoische Ruhe besitzen.
       Ich komme gern zu dir. Ich bilde es mir jedenfalls ein, dass du mich auch magst. Ich kann mich einfach zu dir setzen, ohne dass du fragst, woran ich denke! Und du stellst keine Forderungen an mich. du versuchst auch nicht, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Du erdrückst mich nicht mit deinen Wünschen, nimmst mir nicht den Atem zum Leben.hgrd_5

       Weißt du, bei dir kann ich so sein, wie ich wirklich bin. Ich muss mich auch nicht verstellen, nicht etwas darstellen, das ich nicht bin, nicht sein kann! Und trotzdem darf ich zu dir kommen. Du bist direkt bei mir, ganz nahe; aber du lässt mir meine Freiheit, zu träumen, nachzudenken. Ich kann dir alle meine Sorgen beichten, du wirst sie nie weitererzählen. Da kann ich ganz sicher sein. Ich darf bei dir weinen, klagen, lachen. Oder auch ganz einfach glücklich sein. Wenn ich bei dir bin, wenn ich neben dir auf dem Rücken liege, kann ich stundenlang den Wolken nachschauen, so völlig losgelöst von allem Ärger, allem Stress.

       Und wenn es auch mal faustdick kommt, du bist da! Dann darf ich dich ganz einfach anfassen und in mir wird alles ganz ruhig. Ich fühle, dass ich auf eine Art mit dir verbunden bin, die ich nicht erklären kann. Und wenn sich dann dein uralter, rissiger Stamm fast unmerklich bewegt, höre ich im Rauschen deiner Blätter ein leises, aber für mich vernehmbares Flüstern:

»Ich bin für dich da, Mensch, wann immer du mich brauchst!«

 

 

 

 

Es gibt keine Abenteuer mehr

 
Vor einigen Tagen hörte ich beiläufig, wie ein Bekannter meinte, es wäre gar nicht mehr möglich, echte Abenteuer zu erleben. Er erhielt auch prompt viel Zustimmung zu dieser Meinung. Ich war doch etwas erstaunt und habe lange über diese Aussage nachgedacht!

Ist das wirklich so? Gibt es nur noch die beiden Alternativen Langeweile oder Nervenkitzel. Ich mag das einfach nicht glauben. Ist nicht jedes wirkliche Leben schon für sich gesehen immer auch ein Abenteuer? Aber: Hat nicht solch ein Abenteuer auch immer einen Preis?hgrd_6

      Abenteuer erleben heißt immer, auf etwas anderes verzichten! Ruhe, Geborgenheit, Nestwärme; manchmal auch auf Freunde und liebe Verwandte, oft genug auch auf Liebe! Es ist doch einleuchtend: Wenn ich mir da stets alle Möglichkeiten offenhalten will, erlebe ich doch keine Abenteuer! Denn Eines ist sicher dabei: Abenteuer kosten Mühe, Schweiß und Wagemut, Strapazen und Anstrengungen.
  Ich muss mich aufraffen, diesen Weg zu gehen, muss mich jeden Tag auf etwas Neues einlassen., muss meinen inneren Schweinehund überwinden und die Bequemlichkeit hinter mir lassen.
Abenteuer bedeuten für mich aber auch Offenheit.
Ich muss mich dem Leben, dem Unbekannten öffnen, muss bereit sein, auch Schmerzen des Lebens zu ertragen, Schmerzen und Trauer, die ich nicht hätte, wenn ich hinter dem Ofen sitzen bliebe. Ich darf auch vor Enttäuschungen nicht zurückschrecken. Ich darf auch vor nicht vorhersehbaren Schwierigkeiten nicht einfach das Handtuch werfen! Wenn ich ein Abenteuer, dieses Abenteuer des Lebens suchen will, gibt es doch nur eine Möglichkeit: Ich muss aktiv werden! Und zwar dort, wo ich mich gerade befinde. Und das kann eben überall sein.

       Abenteuer kann ich nicht im Supermarkt kaufen oder an der Tankstelle, selbst Amazon hat das Lebensabenteuer für mich nicht in seinem Programm! Ich muss also aktiv werden. Aktiv werden heißt aber: Nicht darauf warten, dass dieses Leben mich findet, sondern es selber suchen. Und dazu muss ich dann aber auch bereit sein!

       Ich selbst habe stets das Abenteuer dort gefunden, wo ich es nicht suchte. Meist fand es mich! Ich würde um alles in der Welt nicht auf diese Lebensabenteuer verzichten wollen, und selbst die Erinnerung kann ich immer wieder auskosten. Abenteuer gehören zum Leben, zu jedem Leben. Jeder von uns hat seine eigenen Abenteuer zum Auskosten. Heute, morgen, übermorgen. Aber nur nicht zu lange warten!

Irgendwann findet Dich das Leben nicht mehr. Und dann ist es zu spät...

 

 

 

 

 

 

Zeitlos

 

»Oh«, sagte sie. »Jetzt wollte ich noch so viel erzählen. Und auch von dir so vieles wissen! Aber es ist schon zehn Uhr und ich habe keine Zeit mehr. Vielleicht sehen wir uns ja mal bald wieder!«
Bei diesen Worten schaute sie schon auf ihre Armbanduhr, hektische rote Flecken im Gesicht bewiesen, das sie tatsächlich keine Zeit hatte. Nach einigen kurzen Abschiedsworten eilte sie dann zu ihrem geparkten Wagen und ich verlor sie schnell aus meinem Blickfeld.

 Schade, hatte ich sie doch seit dem letzten Klassentreffen vor einer Reihe von Jahren nicht mehr gesehen und war darum sehr erfreut, sie so zufällig wiederzufinden.

 Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, diese Begegnung mit dieser Frau, einer ehemaligen Freundin, die  einst meine große »Flamme« war, ging mir nicht aus dem Kopf. Was muss geschehen sein, wenn die Uhr das Leben bestimmt, wenn die Hetze des Alltags alles so überlagert, dass für alles andere kein Blick mehr übrig ist? Wenn die Zeiger einer Uhr das Leben in viele winzige Segmente zerteilen und alles eingeplant ist bis auf die Minute?hgrd_7

 Gewiss, wir Menschen der Gegenwart kommen ohne Zeiteinteilung nicht mehr aus. Es wäre töricht, dies anzuzweifeln. Fahrpläne, Terminkalender, Stundenpläne, Öffnungszeiten usw. – alles hätte keine Existenzberechtigung mehr, es gäbe nichts Verlässliches mehr auf unserer Welt. Wahrscheinlich würde alles in einem gewaltigen Chaos ersticken.

 Das ist nun mal eine unumstössliche Wirklichkeit und niemand kann dies bezweifeln. Nein, darum geht es doch auch nicht! Es geht hier nur um die Tatsache, dass wir alle uns nur noch von der Uhr und dem Kalender bestimmen lassen, dass diese nicht mehr für uns da sind, sondern wir für sie

 Wir planen weit in die Zukunft hinein, kaufen unser Leben auf Raten und wissen gar nicht, ob wir für all das, was wir hiermit geschenkt bekommen haben, nicht auch eine Verpflichtung eingegangen sind. Irgendwann, zum Glück wissen wir nicht, wann, kommt dann die Zeitabrechnung, alle Uhren werden angehalten und unser Terminkalender einfach durchgestrichen.

Wie der Mittwoch kommt,
der Donnerstag kommt,
der Freitag kommt,
kommt auch der Tag,
dessen Datum 
du nicht liest in der Zeitung,
dessen Kalenderblatt 
ein anderer abreisst.
  (-Rudolf Otto Wiemer- )

 

 Ich habe keine Zeit. Ein so oft gehörtes Wort, viele tausend Mal in einem Leben gesagt und meist entsprach es ja auch der Wahrheit. Und doch ist dies ein Satz, der so unmenschlich ist, dass einem davor grauen müsste.

 Ich habe keine Zeit! Vielleicht, weil ich sie vertrieben habe? Nur so, zum “Zeitvertreib"? Ich habe mir die Zeit vertrieben, dann tat sie mir auch den Gefallen. Und nun? Wenn ich jetzt keine Zeit habe, mir keine Zeit nehme, wann dann?

Ich sitze am Strassenrand
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?
  
( -Bertold Brecht-)                      

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Pranger

 

Montagnachmittag, die große Glocke hat gerade zweimal angeschlagen. Kein Windhauch regt sich, die Augustsonne brennt unbarmherzig in die Mauernische der Kirche hinein. Nichts stört das Schweigen, kein Vogel singt, der Friedhof an der Kirche liegt in tiefem Schweigen.

 Was aber ist das? Ein tiefes Stöhnen klingt durch die Mittagsglut. »Wasser!« Leise Worte aus ausgedörrter, rauer Kehle dringen vom Südportal der Kirche her. »Bitte Wasser, bitte!«

Spröde aufgesprungene Lippen schaffen es kaum, Worte zu formulieren. Auf dem kreisrunden Granitblock neben dem Kirchenportal sitzt eine junge Frau. Um ihren Hals ein Eisenring mit einem schweren Schloss. Von einer Krampe in der Wand nebenan führt eine eiserne Kette zu diesem Halsring. Die Kleidung der jungen Frau ist ärmlich, ein grob gewirkter grauer Rock, eine ebensolche Bluse, die vielfach geflickt und gestopft ist. An den Füßen grobe Wollstrümpfe und Holzpantinen. Seit Sonnenaufgang sitzt sie nun schon auf diesem Steinblock, es ist noch weit bis zum Sonnenuntergang! Was war ihr Verbrechen, dass sie zu solch einer Strafe verurteilt wurde? Wir kennen die Anklage nicht.

 Aus historischen Quellen jedoch ist bekannt, dass ledige Frauen und Mädchen, die ein Kind geboren hatten, zu dieser Kirchenstrafe verurteilt wurden! Die Kinder, Bastarde, wie man sie nannte, wurden in Waisenhäusern untergebracht.
Und die Väter der Kinder? Es ist nicht bekannt, dass auch nur ein Einziger von ihnen jemals bestraft wurde!

 Grausames Schicksal von Frauen, die oft nichts anderes wollten, als Zuneigung und ein wenig Liebe, vielleicht auch etwas Hilfe zum Überleben? Dann jedoch wurden sie als große Sünderinnen abgestempelt. Welch eine Welt, voller kirchlicher und religiöser Vorurteile, voller Ressentiments gegenüber all jenen, die nicht in das Schema passten

 Stunden später sitzt die junge Frau immer noch auf diesem Pranger. Durch Sonnenbrand und Schweiß hat das Halseisen ihren Hals vollkommen aufgeraut, jede Bewegung des Kopfes schmerzt unsäglich. Unerträglicher Durst hat schließlich dazu geführt, dass sie fast bewusstlos auf dem Prangerstein zusammengesunken ist, nur die jetzt straff gespannte Kette verhindert ein Umfallen des Körpers.

 Zwei Friedhofsbesucherinnen mittleren Alters gehen gegen Abend am Kirchenportal vorbei. 
»Na Gesa? Hast endlich genug von‘ne Hurerei?« Boshafte Worte fliegen zu der Sünderin:
»Mein'n Mann lässt du jetzt sicher in Ruh, nich?«

 »Wasser!« flüstert die Frau auf dem Stein mit rauer Stimme, »bitte, bitte Wasser!«

»Nu hol dir doch wat, da is doch der Brunn!«
lästert die eine Frau und spuckt dem Menschenkind am Pranger ins Gesicht. Höhnisch kichernd und gackernd entfernen sich die beiden. Bald geht die Sonne unter. Dann wird der Büttel die junge Frau von ihren Qualen erlösen. Aber das seelische Leid wird erst richtig anfangen! Ganz gewiss.hgrd_8

 

 Wie bin ich doch froh, dass es seit Mitte des
19. Jahrhunderts keinen Pranger mehr gibt, niemand muss sich noch öffentlich demütigen lassen, ob nun schuldig geworden oder nicht, ob Delinquent oder Familienangehöriger. Keiner wird heute mehr an den Pranger gestellt, wir leben alle in einem Rechtsstaat!
Oder? Kann es sein, dass die Pranger von heute die sogenannten 'sozialen' Netzwerke sind? Darüber sollte man vielleicht einmal nachdenken!

 

 

 

Mädchen aus dem Moor
 

»Swentje!« Der Schrei des hochgewachsenen Mannes klingt hohl, ohne jedes Echo, wie eben ein Ruf in einer offenen Landschaft klingt. Die Akustik innerhalb eines Moores hat nun mal keine Tragkraft. »Swentje!« Orwins Stimme klingt nun schon ungeduldiger lauter, »Swentjetochter, wo steckst du?«
        Er lauscht, dreht sich langsam um, stützt sich auf seinen Stab und schaute dann in alle vier Himmelsrichtungen. Geht dann langsam einige Schritte auf dem schmalen Pfad zurück. Seine Schritte erzeugen dabei ein saugendes, schmatzendes Geräusch, in den Fußspuren sammelt sich sofort bräunliches Wasser.

 »Swentje?« Sein Rufen klingt nun gedämpfter, fragender. Der grauweiße Nebel über dem Moor verschluckt alle Farben, lässt die ganze Natur in einem schmutzig-braunen Halbdunkel verschwinden. »Sweeentjeee!« Der heisere langgezogene Ruf des Mannes verklingt ohne jede Resonanz, wie im luftleeren Raum. Nirgendwo ein Widerhall, keinerlei Zeichen einer Antwort. Der Nebel verschluckte jeden Ton bereits nach wenigen Schritten.

      Der Mann bleibt immer wieder stehen, schaute in die Runde. Eine wie hingeworfen wirkende Gruppe von Zwergbirken mit traurig herabhängenden Zweigen ragte in den grauen Himmel. Niedere Blaubeersträucher versuchen mit trockener Glockenheide und silbernem Wollgras eine malerische Verbindung einzugehen. Doch der fahle Himmel vermischt alles zu einer unheimlichen, bedrohlich wirkenden Melange.
Lediglich die Blüten des Sonnentaus vermögen einen farbigen Klecks in das nebelgraue Kaleidoskop zu zaubern. Orwin geht nun behutsam und vorsichtig die Strecke zurück, die er mit seiner Tochter gekommen war, immer darauf bedacht, den Weg nicht zu verlassen.               
        Dieser Pfad durch das Moor war nur ein und eine halbe Elle breit, die meisten Bewohner des Dorfes mieden diese Abkürzung, die direkt zu den Angerwiesen führte. Alle wussten um die Gefährlichkeit dieses Weges. Es war an nebligen Tagen schon vorgekommen, dass einer aus der Dorfgemeinschaft vom Weg abgekommen und in dem tiefgründigen Moorboden versunken war.Ostfr_Moor13_

     Vor vielen Monden war auch Orwins kleiner Neffe von einem Gang über diesen Moorweg nicht zurückgekehrt. Darum nahmen die Bewohner des Dorfes auch lieber den Weg um das Moor herum, obwohl dieser sehr viel weiter war, als der mitten hindurch.
        Immer und immer wieder ruft Orwin den Namen seiner Tochter. Aber es ist keine Spur von Swentje auszumachen. Kein Anzeichen, dass sie jemals hier war, lässt sich erkennen. Auch an der Stelle, an der sich zwei Pfade trennen, um danach gegensätzliche Richtungen einzuschlagen: nicht die kleinste Spur der Tochter. Er fragt sich, ob sie vielleicht den anderen Weg zum Kiefernwald genommen hat? Aber nein, das kann nicht sein, Swentje kennt das Moor genau so wie ihr Vater; beide waren schon unzählige Male hier durchgewandert, um zu den Wiesen zu gelangen. Sie wusste ja, dass Vater die Ziegen nach Hause treiben wollte und dass sie ihm dabei helfen musste.

     »Swentje!« Der Ruf des Vaters ist leiser geworden. Tränen laufen über sein tiefbraun gebranntes Gesicht. Swentje ist sein einziges Kind, das letzte, das ihm von Fünfen geblieben war. Die beiden anderen waren ihm im letzten harten Winter schon im Kleinkindalter genommen worden. Helgard, sein Weib hatte diesen Schmerz nicht überwunden und das Moor als letzten Ausweg gewählt. Niemand kannte die Stelle, an der sie ihre letzte Ruhe gefunden hatte.
Immer wieder schlägt Orwin mit seinem Kopf aus Verzweiflung gegen den Stamm einer Birke, die am Rand des Pfades wächst. Er spürt diesen Schmerz kaum noch, weinte dann mit heiseren, laut ansteigenden Tönen, schreit seinen Schmerz laut hinaus in das Nichts.

 Inzwischen schleicht die Dunkelheit ganz sacht durch das Moor. Irgendwo in der Ferne schreit ein Käuzchen, eine Vielzahl von anderen Geräuschen mischen sich in das abendliche Rauschen des Moorgrases und der Zweige der krüppeligen Birken. Langsam geht der Vater mit müden Schritten zum Dorf zurück, seine nun leere Hütte scheint ihm der einzige Zufluchtsort zu sein, die noch auf ihn wartet. Seine Ziegen müssen erst einmal ohne ihn auskommen. Vielleicht kommt er morgen vorbei, oder übermorgen, vielleicht. Das Moor aber wartet auf sein nächstes Opfer, wie es schon seit Hunderten von Jahren gewartet hatte. Irgendwann aber, nach unendlich langen Zeiten wird es seine Opfer wieder freigeben. Die Menschen versuchen dann, das Rätsel dieser Moorfunde zu lösen. Es wird ihnen aber niemals ganz gelingen.Symbolik-41

 Immer wieder werden Moorleichen in den Mooren gefunden. Allein in Deutschland sind bisher einige hundert bei Torfabbauarbeiten gefunden worden
Das sogenannte »Mädchen von Windeby« ist darunter einer der bekanntesten Funde. Man nahm damals an, es wäre ein etwa 13-jähriges Mädchen, das rund 2000 Jahre im Moor gelegen hatte.
        Funde von solchen Moorleichen geben Aufschluss über Leben und Tod in der Eisenzeit und früher. Es sind Fenster in die Vergangenheit, wenn solche Funde gemacht werden. Heute nun kommt die moderne Wissenschaft zu immer neuen Erkenntnissen, da die Funde nach den neuesten Methoden untersucht werden können. Endgültige Gen-Untersuchungen haben ergeben, dass dieses ›Mädchen von Windeby‹ ein Junge gewesen sein muss!
        Diese Moorleiche hat heute ihre letzte Ruhestätte im Museum von Schloss Gottorf bei Schleswig gefunden, wobei Ruhe das falsche Wort ist, denn sie kann immer besichtigt werden!

 

 

 

Gedanken 2